Die Assistentin, die selbst auch mal Hilfe braucht

Das Logo von Die Neue Norm auf gelbem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Andrea.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Bereits während meines Bachelorstudiums der Sonderpädagogik begann ich, Menschen mit geistiger Behinderung in ihrer Freizeit als Assistentin zu begleiten und dabei deren gesamtes Familiensystem zu unterstützen. Schon damals war mir klar, dass ich das Fach nicht nur studieren, sondern meine Werte auch in meiner Arbeit vertreten möchte. Mittlerweile befinde ich mich im Masterstudium und übe die Assistententätigkeit immer noch aus. Die Unterstützung, die ich leiste, findet meist im häuslichen Umfeld oder außerhalb statt. Dabei werden normalerweise Aktivitäten von mir abgedeckt, die von Sport und Ausflügen bis hin zu Kino- und Therapiebesuchen reichen. Ich ermögliche Menschen mit Behinderung damit eine niederschwellige und individuelle Teilhabe an der Gesellschaft. Heute assistiere ich bei verschiedenen Kund:innen, wie die Menschen genannt werden, die ich begleite. Diese Bezeichnung wird verwendet, da meine Tätigkeit als Dienstleistung gilt. Ich als Assistentin bin dafür da, auf ihre Bedürfnisse und Wünsche einzugehen, sie in ihrer Entscheidungsfähigkeit zu bestärken und ihnen dabei Unterstützung zu bieten, die getroffenen Entscheidungen umzusetzen. Dass ich selbst eine psychische Erkrankung habe und von einer Einschränkung betroffen bin, war mir bei meiner ersten Kundin nicht bewusst. Klar, ich bemerkte schon immer, dass ich andere Zugänge zu Emotionalität hatte und anders belastbar war als meine Kommiliton:innen, aber hey – hat nicht jede:r mit irgendwas zu kämpfen? Allein dadurch auf eine psychische Erkrankung zu schließen und mir Hilfe zu suchen, kam mir absurd vor.
So vergingen die Jahre, Kund:innen kamen hinzu, Vertrauensverhältnisse bauten sich auf, potentielle Kund:innen sprangen ab, wie es eben so abläuft. Erst seit zwei Jahren habe ich eine Diagnose für das, was ich schon immer gefühlt habe.

Seit dem Wissen um meine psychische Erkrankung hat sich einiges verändert: Mittlerweile habe ich gelernt, Kund:innen und ihren Familien gegenüber meine eigenen Bedürfnisse und Einschränkungen offen zu kommunizieren. Es war anfangs schwierig, ausgemachte Termine abzusagen, wenn ich mal einen schlechten Tag hatte und die Depression mich im Haus gefangen hielt. Oft schleppte ich mich dann doch zu den Terminen, um der Person und ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Es gibt für mich nichts Schlimmeres als Menschen zu enttäuschen, die eine hohe Erwartungshaltung an mich haben. An schlechten Tagen funktioniere ich zwar, aber an guten Tagen ist es, als würde sich ein Schalter umlegen und ich würde mein depressives Ich gegen eine unbeschwerte, sorgenfreie Version meiner selbst austauschen. Ich mag diesen Menschen. Diese Person kommt gut an, sorgt für Lacher und wird gemocht.

Was ist aber, wenn mir Angehörige meiner Kund:innen unerwartet ihr Herz ausschütten, von tiefsitzenden Traumata erzählen und mir mit Tränen in den Augen gegenübersitzen? Was geschieht, wenn eine:r meiner Kund:innen in einen Wutanfall gerät und sich in ihren Zorn hineinsteigert?

Manchmal, da hab‘ ich die passenden Worte für solche Situationen oder weiß, wie ich zu handeln habe. Über die Jahre hinweg entwickelt sich eine Professionalität. Aber es gibt auch Tage, an denen in mir die Panik hochsteigt und ich mich von der kleinsten Bemerkung triggern lasse und in meiner Gedankenwelt verschwinde. In solchen Momenten bin ich sehr auf mich bezogen und mit mir beschäftigt, um mich zu schützen. Nach einiger Zeit, die ich in meinem eigenen Seelenleben verbringe, gelingt es mir dann, meine Trigger in den Hintergrund zu stellen und mich wieder auf mein Gegenüber zu konzentrieren.

Sobald zwischen mir und meinen Kund:innen sowie deren Angehörigen ein gewisses Vertrauensverhältnis besteht, schaffe ich es auch, mich ihnen zu öffnen, wenn etwas schwierig für mich ist oder ich in einer schlechten Phase stecke. Dies kostet mich viel Überwindung, mir wird aber stets Fürsorglichkeit von ihnen entgegengebracht. Meist löst das eine innere Diskrepanz in mir aus. Es ist schließlich meine Aufgabe, für die Unterstützung des Wohlbefindens meiner Kund:innen da zu sein und nicht andersherum, oder? Es hat lange gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass auch ich einfach mal nicht funktionieren und ihre Fürsorge in Anspruch nehmen darf.

Am Ende jedes Einsatzes merke ich aber immer wieder, wie wenig die Familien, die ich begleite, auf mich als Person verzichten wollen, trotz meiner Erkrankung. Sie schätzen mich, meine gesamte Persönlichkeit, mit all meinen Facetten. Alles in allem ist dieser Job keine Einbahnstraße der Inklusion oder als einseitig zu betrachten. Das bedeutet, dass die Person mit weniger Ressourcen von der Person unterstützt wird, die gerade mehr von den eigenen abgeben kann. Nicht ich bin also diejenige, die ihren Kund:innen ein inklusives Leben ermöglicht, es profitieren beide Seiten  voneinander und werden für die Belange des Gegenübers sensibilisiert. Das macht diese Arbeit für mich erstrebenswert.

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