Einladungen absagen

Das Logo von die neue Norm auf dunkelgrünem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Leon Amelung.
Lesezeit ca. 2 Minuten

Die geschilderten Ereignisse fanden vor der Coronapandemie statt:

Ich wurde zu einem Geburtstag in eine Kneipe eingeladen. Das Erste, was ich meinen Freund fragte war: “Sind dort Stufen vor dem Eingang?” “Ein paar”, entgegnete er mir am Telefon. Weil ich skeptisch war und mit der Aussage “ein paar Stufen” nicht viel anfangen konnte, schaute ich mir bei Google Fotos vom Eingang der Kneipe an. Es stellte sich heraus, dass die paar Stufen in Wirklichkeit eine Treppe mit vielen Stufen war. Es wäre für mich unmöglich, diese Stufen hochzukommen. Es gab kein Geländer an der Treppe. Ich sitze im Rollstuhl und kann ein paar Schritte laufen, aber diese Treppe würde ich definitiv nicht hochkommen. Ich rief meinen Freund an und sagte ihm, dass ich nicht an der Feier teilnehmen kann. Zum Glück reagierte er gelassen. Ich bot ihm an, dass wir an einem anderen Tag in einem Lokal ohne Stufen vor dem Eingang treffen können. Er war einverstanden. 

Mir ist es immer unangenehm, Einladungen absagen zu müssen, wenn das Lokal nicht rollstuhlgerecht und/oder keine rollstuhlgerechte Toilette in dem Lokal vorhanden ist. Früher habe ich nicht so oft abgesagt. Ich bin die Stufen hochgelaufen. Oder meine Freunde trugen mich mit meinem Rollstuhl die Treppen rauf und runter. Heute sage ich lieber ab und zwar aus folgenden Gründen: Wenn ich im Rollstuhl Treppen rauf und runter getragen werden muss, fühle ich mich von meinen Freunden abhängig. Ich kann nicht selbst das Lokal betreten oder verlassen, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Ich möchte so unabhängig sein wie möglich. Auch wenn ich selbst Treppen laufe, bin ich auf jemanden angewiesen, der meinen Rollstuhl hinterher trägt und auf jemanden, der mich stützt. Dieses Abhängigkeitsgefühl ist mir unangenehm. Manchmal denke ich, dass es meine Freunde nervt, meinen Rollstuhl zu tragen. Außerdem ist Treppen steigen oder im Rollstuhl getragen werden für mich und die anderen nicht ganz ungefährlich. Wenn ich stolpere oder mich jemand im Rollstuhl fallen lässt, könnte ich die Treppe runterfallen und mich ernsthaft verletzten. Mit den Jahren wurde mir dieses Risiko immer bewusster. Trotzdem habe ich es in der Vergangenheit häufig auf mich genommen, weil ich Angst davor hatte, nicht mehr eingeladen und ausgegrenzt zu werden.

Wenn ich dann doch mal eine Einladung ausgeschlagen habe, führte das in meinem Freundeskreis manchmal zu Streit. Sie verstanden nicht, warum ich nicht vorbeikommen konnte. Sie verstanden auch nicht, warum ich mich nicht tragen lassen wollte. Manchmal haben ich oder die andere Person dann den Kontakt abgebrochen. Andere Freunde von mir reagieren zum Glück anders. Ich wurde einmal auf einen Geburtstag eingeladen, bei dem Lasertag gespielt werden sollte. Die Freundin besprach mit mir am Telefon, dass sie lieber mit mir Essen gehen möchte, als mich mit zum Lasertag zu nehmen, weil das ja mit dem Rollstuhl etwas problematisch sei. Ich war einverstanden, weil ich mit Lasertag sowieso nicht viel anfangen konnte.

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