Behinderung und der „Schleier des Nichtwissens“ im Urzustand nach John Rawls

Das Logo von Die Neue Norm auf hellblauem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Julia Dumsky.
Lesezeit ca. 2 Minuten

10 Millionen! 4 Prozent! Was hat es mit diesen beiden Zahlen auf sich? Ganz einfach: In Deutschland gibt es etwa 10 Millionen behinderte Menschen und nur 4 Prozent davon sind von Geburt an behindert. Wenn es so viele Menschen mit Behinderung gibt, wo sind sie dann? Auch heute noch, elf Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention – kurz: UN-BRK – leben Menschen mit Behinderung nach wie vor überwiegend in gesellschaftlichen Parallelwelten. 

Wer sie nicht kennt: Die UN-BRK begründet kein neues Recht für behinderte Menschen, sie bestätigt lediglich die Menschenrechte für Menschen mit Behinderung, beispielsweise das Recht auf freie Wahl des Wohnortes. Weil gerade barrierefreie Wohnungen nicht nur, aber insbesondere im ländlichen Raum häufig noch fehlen, wird dieses Recht durch die gesellschaftliche Realität faktisch untergraben. Zudem ist nach neuesten Zahlen lediglich ein Drittel aller Arztpraxen in Deutschland barrierefrei. Also auch an der freien Arztwahl, wie sie der §76 des Fünften Sozialgesetzbuches vorsieht, scheitert es regelmäßig. Wenn man nun bedenkt, dass 4 Prozent der behinderten Menschen von Geburt an behindert sind, beziehungsweise 96 Prozent eine Behinderung im Laufe ihres Lebens erst erwerben, sollte die gesellschaftliche Relevanz erkennbar werden. 

Zu diesem Verhältnis fällt mir unweigerlich der „Schleier des Nichtwissens“ von John Rawls (1921–2002) ein, den er als philosophisches Gedankenexperiment in seine Gerechtigkeitstheorie implementierte, um daraus Prinzipien für eine gerechte Gesellschaft abzuleiten. Ausgangspunkt dieses Gedankenexperiments ist ein Urzustand, in dem die Gesellschaft erst noch konstituiert werden muss. Die Besonderheit ist nun, dass alle Menschen in diesem Urzustand noch nicht wissen, welche gesellschaftliche Position sie haben und welches Leben sie in dieser Gesellschaft führen werden. 

Sie wissen also weder, ob sie beispielsweise arm oder reich sein, noch welche Anlagen hinsichtlich Intelligenz und der körperlichen Verfasstheit sie mitbekommen werden. Es existiert demnach ein „Schleier des Nichtwissens“, auf dessen Basis nun aber eine Gesellschaft nach bestimmten Maßgaben einzurichten ist. Jeder wird nun bestrebt sein, so Rawls, möglichst gerechte gesellschaftliche Grundsätze zu schaffen, sodass man selbst, im Falle einer schlechteren Positionierung, nicht benachteiligt wird. 

Meines Erachtens lässt sich dieser „Schleier des Nichtwissens“ sehr gut auf das Thema Behinderung herunterbrechen, wobei es hierbei nicht nur um ein Gedankenexperiment, also um eine theoretische Situation geht, sondern dieser „Schleier des Nichtwissens“ tatsächlich existent ist: Schließlich weiß niemand, ob er zukünftig eine Behinderung haben wird oder nicht. Demnach müsste jeder Einzelne in einer Gesellschaft eigentlich danach streben, an einer gesellschaftlichen Realität zu arbeiten, die es ihm erlaubt, im Falle einer eintretenden Behinderung, nicht benachteiligt zu werden statt diese Möglichkeit einfach zu verdrängen. Es bedarf eines bewussteren Umgangs, eines rationalen öffentlichen Diskurses, aber auch und vor allem eines entschiedenen Handelns auf allen Ebenen. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft geht letztlich jeden Einzelnen in Deutschland an! 

 

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