Oft wird behauptet, dass die Behinderung der Grund sei, warum Personen nicht teilhaben können. Vielmehr ist es aber die Gesellschaft, die Barrierefreiheit nicht konsequent umsetzt und sich teilweise immer neue Gründe einfallen lässt, dies nicht zu tun. Unser Kolumnist Lars Lippenmeier schreibt über alltägliche Barrieren denen er begegnet und wie man sie ohne Bagger und viel Geld auflösen kann.
Ich möchte eine Veranstaltung des örtlichen Theaters besuchen. Wegen einer Behinderung bin ich auf Gehilfen angewiesen. Wo gibt es denn sowas? Na gut, einen Versuch ist es wert. Vor dem Gebäude gibt es immerhin eine Rampe – wie schön! Es ist bestimmt alles barrierefrei, denke ich. Es ist ja schließlich eine staatliche Einrichtung und die sind ja dazu verpflichtet. Drinnen stehe ich vor einer Treppe, die in den Keller führt, in dem die Aufführung von „Triage” stattfinden wird. Das Theaterstück behandelt die Frage der Priorisierung von Patienten mit und ohne Behinderung, die auf künstliche Beatmung angewiesen sind. Von einem Aufzug keine Spur. Ich vermute ihn hinter der Glastür, die aber verschlossen ist. Meine Begleitperson ruft die Kartenhotline an: Die Computerstimme sagt: „Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an.“
Ein Pärchen fragt, ob es behilflich sein kann. Ich bitte darum, den Einlass zu informieren, dass ein Aufzug benötigt wird. Der freundliche Herr kommt zurück und berichtet, die Dame an der Kasse habe ihm gesagt, man müsse nur durch die Tür gehen, den Flur entlang und mit dem Aufzug nach unten fahren. Dies sei kein Problem.
Für mich zeigt sich ein anderes Bild: Die Tür ist und bleibt verschlossen, der dahinter vermutete Aufzug ist unerreichbar. Es sind nur noch wenige Minuten bis zur Vorstellung und wir nehmen notgedrungen die Treppe. Unten kommen wir mit einem jungen Angestellten ins Gespräch. Er bestätigt, die Tür sei abgeschlossen, damit fremde Personen nicht den Aufzug benutzen und durchs Haus laufen.
Meinen sarkastischen Unterton nimmt er nicht wahr, als ich ihn darauf aufmerksam mache, dass seine Kollegin an der Kasse auf einen zugänglichen Aufzug verwiesen habe, der aber, wie er bestätigte, gar nicht erreichbar sei. Ebenso wie auf unseren ins Leere laufenden Kontaktversuch mit der Zentrale.
Ich rede zuerst wie gegen eine Wand. Erst als ich mich vor „Begeisterung“ kaum noch halten kann, verspricht er, meine Rückmeldung weiterzugeben. Er geleitet uns zu unseren Plätzen und toleriert sogar, dass wir unsere Garderobe mit zum Platz nehmen. Am Ende der Veranstaltung entschuldigt er sich und bringt uns von unten mit dem Aufzug, mit der Aufschrift „außer Betrieb“, nach einer Schlüsseldrehung wieder nach oben.
In seiner anfänglichen Rechtfertigung stellt der Angestellte seine große Ohnmacht und die seiner Organisation dar und ist am Ende dann doch ziemlich handlungsfähig.
Es gibt Lösungsmöglichkeiten, die aber institutionalisiert werden müssen. Aber wovon hängt es ab, ob jenseits vom guten Willen des*r Einzelnen der Weg zum Aufzug möglich ist?
- Angenommen, der Aufzug muss tatsächlich für die Allgemeinheit versperrt bleiben, was sehr fraglich wäre: Ich als Mensch mit Hilfebedarf möchte wenigstens wissen, dass ich vor der richtigen verschlossenen Tür auf den Aufzug warte. Also bitte ausschildern!
- Was passiert, wenn die Kasse unten ist und jemand mit Hilfebedarf oben steht? Mit einer ausgewiesenen Telefonnummer könnte man sich bemerkbar machen und telefonisch um Zugang zum Aufzug bitten. Gleiches gilt für einen Hinweis auf der Bandansage und im Buchungssystem des Theaters.
- Sollte man auf einen Aufzug verweisen, der nicht zugänglich ist? Besser nicht. Sachkenntnis und eine lösungsorientierte Hilfestellung wären wünschenswert gewesen. Dafür braucht es wohl ein Kommunikationstraining.
- Wenn jemand von einem Problem berichtet, ist es nicht hilfreich, die bestehenden Strukturen als absolut zu rechtfertigen und auf ihre Grenzen hinzuweisen. Nach dem Motto: Das haben wir schon immer so gemacht. Stattdessen wäre es auch möglich gewesen, den Kunden anzuhören und zu realisieren, dass es vielleicht anderen Kunden auch so geht, die das Kulturangebot ebenfalls nicht wahrnehmen können. Außerdem wäre es hilfreich, den Fall zu dokumentieren und sich die Kontaktdaten des Kunden zur Weitergabe an die Geschäftsführung geben zu lassen.
Und die Moral von der Geschicht’? Vorhandene Barrieren rechtfertigen lohnt sich nicht. Viele sind durch Kreativität, Kommunikation und Organisation leicht zu beseitigen – einen Bagger und viel Geld braucht es nicht.
Eine Antwort
Leider stößt man immer wieder auf unnötige Barrieren, die den Zugang erschweren oder ganz verhindern.
In diesem Artikel hätte die Spielstätte auch benannt werden können. Immerhin war der erwähnte Mitarbeiter freundlich um eine Lösung zur Abhilfe der Situation bemüht.