Als Eltern mit Behinderung zwischen Behörden-Pingpong, Hilfsmitteln und Corona

Das Logo von Die Neue Norm auf gelbem Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Ju Hahn.
Lesezeit ca. 3 Minuten

…hört sich wirr an? Ist es vielleicht auch, so wie unser Alltag aktuell aussieht. Doch es ist nicht nur, was gerade im Lockdown passiert, die offenen Stellen und Verletzungen gibt es schon viel länger. Sie liegen tiefer. Doch aktuell halten auch die Pflaster nicht mehr, um die Wunde zu schützen. Corona beschäftigt uns tagein und tagaus. Aus so vielen unterschiedlichen Gründen. Bei mir als Mama nicht nur wegen den Themen Öffnung von Kindergärten und Schulen, sondern auch schlichtweg im Zurechtkommen im Alltag. Die Pflaster sind abgerissen, die Wunden liegen offen.

Für Eltern mit Behinderungen gibt es die Möglichkeit einer Elternassistenz. Diese kann man beantragen und die Assistenz übernimmt dann in bestimmten Bereichen Aufgaben, welche die Eltern aufgrund ihrer Behinderung nicht ausführen können. Diese Aufgaben können ganz unterschiedlich aussehen und sind natürlich enorm von der Behinderung abhängig. Bei mir wäre das zum Beispiel ein Spaziergang mit dem Kinderwagen gewesen. Ich schreibe ‘wäre’, denn ich hatte keine Elternassistenz. Und ich wollte auch keine. Denn ich wollte lieber ein Hilfsmittel, welches mir hilft, meine Kinder unabhängig von anderen zu versorgen.

Und hier sind wir bei einem Problem angekommen, welches mich wirklich ärgert. Eine Assistenzkraft darf und kann ich beantragen. Ein Hilfsmittel, wie zum Beispiel einen elektrischen Rollstuhl zum Schieben des Kinderwagens, bekommen Eltern mit Behinderungen nicht.

Denn die Krankenkasse ist für die Versorgung der Kinder nicht zuständig.
Ich bekam gesagt, dafür wäre das Jugendamt zuständig. Dort wurde aber nur mit dem Kopf geschüttelt, denn ein Rollstuhl sei ja für mich nötig und nicht für meine Kinder. Herzlich willkommen im Behörden-Pingpong. Es ist ärgerlich und zeigt immer wieder aufs Neue, wo der Stellenwert von uns Menschen mit Behinderungen ist: Am Rand, als Bittsteller, die dankbar sein können und sollen, wenn aufgrund einer Einzelfallentscheidung und nach langen Kämpfen, dann doch etwas genehmigt wird. Warum ist das so? Und was hat das mit der aktuellen Situation zu tun?

Geeignete Hilfsmittel helfen einem Menschen. Ihr wisst das sicherlich alle. Sie sind kein Bonus oder ein nice to have.
Meine Kinder sind mittlerweile größer und es zeigen sich immer neue Probleme. Denn ich kann meiner Aufsichtspflicht nicht nachkommen, wenn sie Fahrrad fahren. Sie sind einfach zu schnell für mich. Was ist die Lösung? Eine Assistenz beantragen und die Kinder dürfen nur Fahrrad fahren, wenn diese gerade da ist?

Wenn sie denn da ist. Denn in Zeiten von Corona ist es leider auch immer wieder der Fall, dass Assistenzkräfte ausfallen. Das ist menschlich und natürlich auch richtig, dass sie Quarantäne einhalten müssen usw. Und doch bleibt auch dann immer wieder die Frage: Wie kompensieren wir das? Schule und Kindergarten haben evtl. geschlossen oder auch hier sind ganze Klassen und Gruppen in Quarantäne. Wie organisieren wir den Alltag neu, wenn alles ganz anders ist? Warum müssen wir uns von Verordnung zu Widerspruch kämpfen, wenn alles eigentlich auch ganz anders laufen könnte?

Organisation und Durchhaltevermögen, das brauchen wir. Gerade mehr denn je. Als Eltern und als Menschen mit Behinderungen. Immer und immer wieder. Vielleicht ist das unsere geheime Superkraft, mit der wir versuchen können, die Wunden zumindest für den Moment wieder zu versorgen, bis sich endlich jemand um die Behandlung kümmert.

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