Stark sein heißt nicht, keine Angst zu haben 

Grasgrünes Hintergrundbild mit dem Logo „Die Neue Kolumne“ von Özgür Yilmaz
Lesezeit ca. 3 Minuten

Was passiert, wenn eine fortschreitende Krankheit nicht nur den Körper, sondern auch die Gedanken angreift? Özgür Yilmaz erzählt in seiner Kolumne vom inneren Kampf gegen Angst, Selbstzweifel und die ständige Ungewissheit. Und davon, wie er den Mut gefasst hat, sich diesen schwierigen Gefühlen zu stellen.

Die Stimme im Kopf

Es gibt Tage, da ist die Krankheit nicht das Schlimmste.

Es ist die Stimme im Kopf.

Sie flüstert nicht, sie schreit nicht – sie sitzt einfach da. Beharrlich.

Was, wenn es morgen schlechter ist?

Was, wenn das hier der letzte Tag ist, an dem ich noch selbstständig aufstehen oder gehen kann?

Ich lebe mit einer fortschreitenden, sehr seltenen Muskelerkrankung. Das klingt sachlich. Fast neutral. Aber was daran wirklich zermürbt, ist nicht nur der Körper, der nach und nach nachgibt. Es ist die Ungewissheit. Die ständige Angst vor dem nächsten Verlust. Und die Trauer darüber, dass man lernen muss, Abschied zu nehmen – nicht von einem Menschen, sondern von sich selbst, wie man einmal war.

Wenn Gefühle gleichzeitig kommen

Angst, Trauer, Verzweiflung und Depressionen kommen nicht nacheinander. Sie kommen gleichzeitig. Manchmal leise, manchmal mit voller Wucht. Und sie fragen nicht, ob gerade noch Platz für sie ist.

Ich kenne Panikattacken. Ich kenne Tage, an denen Essen zur Nebensache wird. Tage, an denen der eigene Körper sich wie ein Gefängnis anfühlt, während sich das Leben nur im Kopf abspielt. Und ich kenne diesen Moment, in dem man sich fragt, ob man innerlich genauso langsam verschwindet, wie körperlich.

Der Teufel im Kopf

Es gibt einen Teufel im Kopf.

Das ist kein poetisches Bild, das ist eine nüchterne Beschreibung. Dieser Teufel sagt: Du wirst schwächer. Du bist eine Belastung. Dein Leben wird immer kleiner.

Und lange Zeit habe ich geglaubt, man müsse diese Gedanken loswerden. Wegtherapieren. Wegdenken. Wegkämpfen.

Heute weiß ich: Das funktioniert nicht.

Stärke heißt nicht Kontrolle

Der Wendepunkt kam nicht, als es mir besser ging. Sondern als ich aufgehört habe, gegen jede Emotion anzurennen. Ich habe verstanden, dass Stärke nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Stärke bedeutet, sich von ihr nicht beherrschen zu lassen.

Ich darf traurig sein. Ich darf verzweifelt sein. Aber ich entscheide, ob diese Gefühle mein ganzes Leben bestimmen.

Wenn andere bei mir Kraft finden

Was ich nicht erwartet habe: Dass ausgerechnet Menschen, die körperlich stärker sind als ich, bei mir Kraft schöpfen.

Dass sie mir sagen, sie würden Mut aus meiner Haltung ziehen. Hoffnung. Perspektive. Menschen ohne sichtbare Einschränkungen, die mitten in eigenen Krisen stecken – beruflich, psychisch, existenziell.

Am Anfang hat mich das irritiert. Ich dachte: Wie soll ausgerechnet ich jemandem Halt geben?

Heute verstehe ich es besser. Es geht nicht um Stärke im klassischen Sinn. Es geht darum, nicht zu kapitulieren. Darum, weiterzugehen, obwohl man Angst hat. Offen zu zeigen, dass man kämpft – ohne so zu tun, als wäre alles gut.

Vielleicht ist genau das der Wendepunkt: zu erkennen, dass Würde ansteckend sein kann. Dass man anderen Hoffnung gibt, nicht weil man unverwundbar ist, sondern weil man bleibt. Weil man sich nicht selbst aufgibt.

Und dass das, was mich am verletzlichsten macht, für andere plötzlich eine Quelle von Kraft wird.

Was wirklich hilft

Ich habe gelernt, mir selbst zuzuhören – auch an den dunklen Tagen. Nicht jede Stimme im Kopf spricht die Wahrheit. Manche sprechen aus Erschöpfung. Andere aus Angst. Und manche aus alten Verletzungen, die nichts mit der Gegenwart zu tun haben.

Ich habe aufgehört, mich für meine Schwäche zu schämen. Körperlich wie seelisch. Denn Scham macht einsam. Und Einsamkeit ist gefährlicher, als jede Diagnose.

Was mir hilft, ist nichts Spektakuläres. Kein Patentrezept. Es sind kleine, unbequeme Entscheidungen im Alltag.

Ich messe meinen Wert nicht an dem, was mein Körper nicht mehr kann.

Ich lasse mich nicht auf meine Krankheit reduzieren – weder von anderen, noch von mir selbst.

Ich nehme Hilfe an, ohne mich dafür klein zu machen.

Und ich erlaube mir, stolz zu sein. Nicht auf das Durchhalten, sondern auf das Weitermachen.

Nicht kapitulieren

Ich weiß, dass meine Krankheit nicht besser wird. Das ist eine Realität, der ich mich stelle. Aber sie entscheidet nicht darüber, wie lebendig ich bin. Mein Körper hat einen Pflegegrad. Mein Kopf nicht. Und genau dort findet der wichtigste Kampf statt.

Der Teufel im Kopf ist noch da.

Und er wird bleiben.

Aber ich bin nicht hier, um zu kapitulieren. Ich bin hier, um mir jeden Tag neu zu beweisen, dass mein Leben mehr ist als das, was mir genommen wird.

Aufgeben ist keine Option. Nicht, weil ich mutig bin. Sondern aus Selbstachtung.

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