Im Alltag erfahren Menschen mit Behinderungen häufig Grenzüberschreitungen, die auch noch als Großzügigkeit getarnt werden. Benennt die betreffende Person diese Grenzüberschreitung, schlägt ihr häufig Unverständnis oder sogar Wut entgegen. So hat es auch unser Kolumnist Leon Amelung erfahren, als er auf Shopping-Tour war.
Entspannter Shopping-Trip wird zum Schreck-Moment
Ich hatte noch diesen C&A Gutschein im Portemonaie und da dort mittlerweile kein Bargeld mehr herausgegeben wird, machte ich mich auf den Weg zur Filiale. Es war ein angenehmer und ruhiger Tag. Nun muss man wissen, dass die Filiale in Hannover direkt am Steintor liegt, also im Rotlichtviertel von Hannover, das mittlerweile zur Waffenverbotszone erklärt wurde. Ich fuhr dort durch die Fußgängerzone, als ich auf einmal einen Ruck verspürte, der durch meinen Körper ging und mich leicht nach vorne fallen ließ. Ein junger, kräftiger Mann hatte einfach meine Schiebegriffe von hinten gepackt und mich schnellen Schrittes geschoben.
Raub oder Überfall?
Ich dachte im ersten Moment, dass er meinen Rucksack klauen oder mich in eine ruhige Ecke schieben und mich anschließend ausrauben wollte. Ich fühlte mich in diesem Moment hilflos und in dieser Hilflosigkeit überkam mich eine plötzliche Wut. Ich schrie den Typen an: „Was soll das? Lassen Sie mich los!“ Glücklicherweise ließ er schnell los und ich hatte wieder die Kontrolle über meinen Rollstuhl. Plötzlich ging er neben mir und sagte erbost: „Ich wollte dir helfen, Mann.“ „Ja, aber da fragt man doch erst und schiebt dann den Rollstuhl“, schrie ich ihn an.
Grenzen ziehen wird als Zurückweisung gedeutet und „bestraft“
„Ey, da will man helfen heutzutage und dann kommen solche wie du“, sagte er zu mir. Anschließend zeigte er mir den Mittelfinger und stieß in einer schnellen Bewegung seine Arme nach hinten und schnellte mit dem Kopf und dem Oberkörper nach vorne. Im ersten Moment dachte ich, dass er auf mich losgehen wollte und hielt schützend meine geballten Fäuste und meine Arme vor mein Gesicht, aber er spuckte mir nur vor die Füße und ging dann weiter. Um mich herum standen dutzende Passant*innen. Niemand griff ein oder sagte etwas.
Ich fuhr weiter zu der Filiale und dachte über den Satz nach, den er mir entgegengeschleudert hatte: „Da will man helfen heutzutage und dann kommen solche wie du.“ Was hat er damit gemeint? Ich hatte ihn doch nicht um Hilfe gebeten. Er hat sich mir gegenüber übergriffig verhalten und einfach ohne Ankündigung meinen Rollstuhl angefasst, mich geschoben und ich habe mich dann erschrocken. Glaubt er wirklich, dass ich dankbar sein muss für eine mir von ihm aufgezwungene und übergriffige Hilfestellung?

Fragt erst und schiebt dann
Im Alltag erfahren Menschen mit Behinderungen häufig Grenzüberschreitungen, die auch noch als Großzügigkeit getarnt werden. Benennt die betreffende Person diese Grenzüberschreitung, schlägt ihr häufig Unverständnis oder sogar Wut entgegen. So hat es auch unser Kolumnist Leon Amelung erfahren, als er auf Shopping-Tour war.

Stark sein heißt nicht, keine Angst zu haben
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Warum werde ich nicht gefragt? Für mehr Selbstbestimmung im Alltag
Was bleibt, wenn Entscheidungen an einem vorbeigehen, Einladungen nicht ausgesprochen werden und Fürsorge plötzlich wie Bevormundung wirkt? In dieser Kolumne schreibt Natascha Höhn über die leisen Stiche des Nicht-gefragt-Werdens und über die laute Erkenntnis, dass echte Inklusion erst beginnt, wenn Menschen nicht nur mitgedacht, sondern auch mit einbezogen werden.
Wie würde „Hilfe“ von Menschen mit Behinderung von Menschen ohne Behinderung bewertet werden?
Ich fahre doch auch nicht hinter langsam laufenden Fußgänger*innen her, um sie auf meinen Schoß zu setzen und einfach so über die Straße zu fahren, obwohl sie das vielleicht gar nicht wollen? Warum gehen manche Leute davon aus, dass behinderte Menschen in jeder Situation Hilfe brauchen und bei so einer aufgezwungenen und übergriffigen Art der Hilfe auch noch dankbar sein sollen? Für diese Haltung von Menschen, die beispielsweise älter, erfahrener oder auch physisch kräftiger sind als ihr Gegenüber, gibt es einen Begriff: Paternalismus. Ihre Einstellung ist: „Ich weiß besser, was gut für dich ist, als du selbst.“
Ich weiß am besten, was gut für mich ist
Ich habe nichts dagegen, wenn mich jemand fragt, ob er oder sie mir helfen oder mich schieben kann, aber warum kommen manche Leute nicht damit klar, wenn ich ihre Hilfe ablehne? Warum verstehen manche Leute nicht, dass es übergriffig und in manchen Situationen sogar gefährlich ist, Rollstuhlfahrer*innen ohne Ankündigung zu schieben? Das möchten diese Personen doch mit Sicherheit auch nicht und ich habe langsam keine Lust mehr, den Leuten das zu erklären.