Nur wenige Menschen mit kognitiver Behinderung oder mit Lernschwierigkeiten arbeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Noch weniger haben eine Berufsausbildung. Hier setzt der Verein mittendrin e.V. an: Mit ihrem Projekt „Ausbildung mittendrin“ hat er bereits elf junge Menschen auf ihrem Weg in und durch eine duale Ausbildung begleitet. Drei von ihnen erzählen von ihrem Alltag zwischen Betrieb und Berufsschule, über Hürden und Erfolge. Und von dem besonderen Moment, wenn man den Abschluss endlich in den Händen hält.
Informationen in Einfacher Sprache
Nur wenige Menschen mit Lernschwierigkeiten arbeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
Noch weniger Menschen mit Behinderung machen eine Berufsausbildung.
Auch wenn das viele Menschen mit Behinderung gerne machen würden.
Der Verein mittendrin e.V. hat das Projekt „Ausbildung mittendrin“ gestartet.
Bis jetzt haben elf junge Menschen mit Behinderung daran teilgenommen.
Die Ausbildung war für alle anstrengend.
Alle haben viel Neues gelernt.
Zum Beispiel Fachbegriffe.
Fachbegriffe sind besondere Wörter für den Beruf.
Noten in der Schule waren neu für sie.
Trotzdem haben sie durchgehalten.
Heute sind sie stolz. Ihre Arbeit ist wichtig.
Sie verdienen ihr eigenes Geld.
Die Beispiele zeigen: Ausbildung ist möglich.
Menschen mit Behinderung brauchen Möglichkeiten für eine Ausbildung und faire Arbeitgeber*innen.
Ich habe die Ausbildung ausgehalten. Ausbildung ist Ausbildung. Jetzt kann ich frei entscheiden.
Noor A.
Aller Anfang ist schwer
Für alle Teilnehmenden ist die Ausbildung ein anstrengender, aber prägender Weg. Noor A., Fachpraktikerin Küche, kannte aus der Förderschule keine vergleichbaren Anforderungen: „Ich musste mitdenken, Berichtsheft schreiben, üben.“ Für sie kamen dazu noch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und der Fachsprache: „Das Schwierigste für mich waren die Fachbegriffe, z.B. Teigschaber, Schneebesen oder die französischen Fachbegriffe, zum Beispiel bei Schnitt-Techniken.“ Völlig neu war auch die Erfahrung, Noten zu bekommen: „Die Noten in der Berufsschule waren alle schlecht, ist eigentlich schlimm, aber was soll ich da machen.“ Es half der Gedanke, dass diese Noten für die Abschlussprüfung keine Rolle spielen würden: „Ich habe die Ausbildung ausgehalten. Ausbildung ist Ausbildung. Jetzt kann ich frei entscheiden.“
Durchhalten und Selbstvertrauen gewinnen
Was ihr Kraft gab, war das Gefühl, etwas erreichen zu können und eigenes Geld zu verdienen. „Die Arbeit ist gut, um Geld zu verdienen und selbst darüber entscheiden zu können, was ich kaufen will, ohne dass die Eltern entscheiden.“ Heute sagt sie: „Ich finde es toll, dass ich meine Ausbildung geschafft habe. Ich hatte das nicht gehofft und doch habe ich es geschafft.“
Erfolgsmomente
Auch Silke G., Fachkraft Gastronomie/ Restaurantservice, erlebte ihre Ausbildung als Herausforderung, aber auch als Beweis für die eigenen Fähigkeiten. Immer wieder gab es Erfolgsmomente im Arbeitsalltag: „Ich bin darauf stolz, dass ich die Café Bar komplett allein machen konnte.“ Für bleibende Schwierigkeiten gab es Lösungen: „Sie haben die Kasse für mich so eingestellt, dass ich gucken kann, wieviel Rückgeld ich geben muss.“ Auch Stresssituationen meisterte sie: „Wenn du dann auf einmal 400 Leute versorgen musst und komplett alleine bist, das ist dann anstrengend, habe ich aber auch geschafft.“
Herausforderung Prügungen
In der Schule bekam sie Lernstoff, der sie stark forderte und manchmal auch überforderte: „Das Lernen war ein bisschen anstrengend, weil ich manchmal Sachen nicht so gut verstanden habe, aber ich habe es dann trotzdem irgendwie geschafft.“ Um den Ausbildungsabschluss zu erreichen, musste sie viele Nachprüfungen absolvieren. Das war einerseits sehr anstrengend. Andererseits half es ihr, die Angst vor Prüfungen zu verlieren: „Man gewöhnt sich an die Prüfungen. Bei der letzten Prüfung war ich chillig und entspannt.“ Schwieriger war dann wieder, dass sie nach der Ausbildung eine neue Arbeitsstelle suchen musste: „Klar, das war für mich auch schwer, als mir gesagt wurde, dass ich nicht übernommen werde.“
Ich habe Gänsehaut bekommen, als ich gehört habe, dass ich bestanden habe.
Silke G.
Eigene Leistung, eigenes Geld
Für ihre berufliche Zukunft ist ihr vor allem eines wichtig: „Dass ich eine Arbeitsstelle finde, wo ich auch bleiben kann und dass man respektiert wird wie jede*r andere.“ Anderen rät sie: „Natürlich lohnt sich eine Ausbildung. Man soll nicht direkt etwas aufgeben, was man gerade erst angefangen hat.“ Heute sagt sie stolz: „Ich habe Gänsehaut bekommen, als ich gehört habe, dass ich bestanden habe.“ Der Abschluss sei ein Beweis: „Wenn mir jemand sagt, du kannst das nicht, dann kann ich zeigen, dass ich das gelernt habe.“ Und sie stellt fest: „Wenn man die Ausbildung macht, dann hast du mehr Rechte, als wenn du bloß Praktikant*in bist.“
Am Anfang kam ich nicht so klar mit den Kollegen, zum Schluss war das besser.
Max L.
Kundenkontakt und Prüfungsstress
Max L., Fachpraktiker im Verkauf, berichtet ebenfalls von großen Herausforderungen. „Schwierig war es, mit den Kunden umzugehen und in der Schule die Rechenaufgaben.“ Auch im Team war der Start nicht einfach: „Am Anfang kam ich nicht so klar mit den Kollegen, zum Schluss war das besser.“ Die Prüfung empfand er als besonders belastend, obwohl er in der Berufsschule gute Noten erreicht hatte und auch im Betrieb als Mitarbeiter sehr geschätzt wurde: „Die Abschlussprüfung war schwer, schriftlich war ok, mündlich war schwieriger, wegen des Kundengesprächs.“ Insgesamt sagt er: „Es war schon anstrengend.“ Entscheidend seien unterstützende Angebote gewesen: „Die Schulungen und das Arbeitstraining waren wichtig.“
Für seine Zukunft hofft er auf eine feste Stelle: „Ich hoffe, dass das jetzt bei REWE klappt, mit 30 Stunden in der Woche.“
Dranbleiben lohnt sich
Die Erfahrungen der Teilnehmenden zeigen: Eine duale Ausbildung für Menschen mit Behinderung ist möglich. Es braucht die richtige Unterstützung, Anpassungen und Arbeitgebende, die darin eine echte Chance sehen. Oder, wie Max L. es sagt: „Ich finde es toll, dass ich so weit gekommen bin.“
Die Interviews wurden von Heike Götz geführt.
Verein mittendrin e.V.
Der mittendrin e.V. ist ein Elternverein in Köln, der sich seit 2006 für Inklusion und inklusive Bildung einsetzt. Er betreibt eine EUTB-Beratungsstelle und erarbeitet in Projekten konkrete Möglichkeiten für Inklusion in Schule, Freizeit, Kultur und im Übergang Schule/Beruf. Das Projekt „Ausbildung mittendrin“ wird seit 2022 vom Land NRW und der Europäischen Union gefördert.

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Viele Menschen sind arm.
Menschen mit Behinderungen sind oft noch ärmer.
Sie bekommen wenig Geld für ihre Arbeit.
Sie können kaum für später sparen.
Darum reicht die Rente (Rente = Geld fürs Leben im Alter) oft nicht.
In Werkstätten verdienen sie fast nichts.
Auch andere Jobs bringen oft zu wenig Geld.
Sarah Schank von dem Projekt JOBinklusive sagt:
Das ist kein persönliches Problem.
Das Problem kommt vom System.
Sie fordert:
Die Politik muss etwas ändern.
Alle Menschen sollen gut leben können – egal ob sie arbeiten oder nicht.