Judy Heumann war eine der prägendsten Stimmen der globalen Behindertenrechtsbewegung. Ihre Kompromisslosigkeit legte den Grundstein für den Americans with Disabilities Act. Der neue Film „Being Heumann“ von Siân Heder erzählt, wie sie und andere behinderte Aktivist*innen 1977 mit einer 26-tägigen Gebäudebesetzung genau dafür sorgten. Eine Geschichte, die nach wie vor aktuell ist und zeigt, dass der Kampf für Menschenrechte alle etwas angeht.
Kurz & einfach erklärt
Der neue Film „Being Heumann“ erzählt eine wichtige Geschichte.
Judy Heumann war eine wichtige Aktivistin für die Rechte von behinderten Menschen.
1977 haben sie und andere ein Gebäude in den USA besetzt.
26 Tage lang.
Sie wollten ein Gesetz durchsetzen.
Das Gesetz heißt Section 504.
Es sagt: Niemand darf wegen einer Behinderung benachteiligt werden.
Ohne diese Besetzung gäbe es später kein wichtiges US-Gesetz für Inklusion, den Americans with Disabilities Act.
Der Film zeigt: Die Aktivist*innen waren mutig und laut.
Sie haben zusammengehalten, auch wenn sie unterschiedliche Bedürfnisse hatten.
Sie haben sich auch mit anderen Gruppen verbündet, zum Beispiel mit den Black Panthers.
Auch in Deutschland gibt es gerade ein wichtiges Gesetz.
Es heißt Behindertengleichstellungsgesetz, kurz BGG.
Es soll verbessert werden.
Aber viele Expert*innen sagen: Der neue Plan ist zu schwach.
Der Film zeigt uns: Rechte muss man oft hart erkämpfen.
Und man schafft das leichter, wenn man sich mit anderen zusammentut, die auch für ihre Rechte kämpfen.
Mutige Besetzung, die Gesetze ermöglicht hat
Ruth Madeley, selbst Rollstuhlnutzerin, spielt die Behindertenrechtsikone Judy Heumann in Siân Heders neuem Film „Being Heumann“ und schon diese Besetzung ist die erste Botschaft: Hier erzählt keiner von außen über behinderte Menschen, hier erzählen sie selbst. Im Zentrum steht der 26-tägige Sit-in im Bundesgebäude von San Francisco 1977. Aktivist*innen besetzten das Gebäude, um die Umsetzung von Section 504 des Rehabilitation Act durchzusetzen. Damit ist jenes US-Gesetz von 1973 gemeint, das als erstes weltweit Diskriminierung aufgrund von Behinderung in jeder öffentlich finanzierten Einrichtung verbot. Vier Jahre lang weigerten sich die zuständigen Minister aus Angst vor den Kosten, das Gesetz mit verbindlichen Regeln zu unterlegen. Erst die Besetzung brachte den Durchbruch. Es war die längste Besetzung eines Bundesgebäudes in der US-Geschichte. Ohne sie gäbe es den Americans with Disabilities Act nicht.
Der Film erzählt diese 26 Tage dennoch nicht als reine Held*innengeschichte, sondern als gelebte Gemeinschaft mit allen Hochs und Tiefs: Wie organisiert man Schlafplätze, Medikamente, Pflege und Essen für Dutzende Menschen, wenn das Gebäude abgeriegelt ist? Wie hält man zusammen, wenn blinde, gehörlose und körperbehinderte Aktivist*innen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Vorstellungen von Barrierefreiheit haben? Der Film erzählt auch von Solidarität und neuen Bündnissen, etwa durch die Unterstützung der Black Panther Bewegung, die die Aktivist*innen versorgen. Heumann wird dabei nicht als makellose Heldin gezeichnet, sondern als kompromisslos bis zur Zumutung. „Du bist das Arschloch, das wir gebraucht haben“, sagt ihr Kitty Cone (gespielt von Madeline Delp) im Film, und genau das macht sie zur Anführerin. Dass es im besetzten Gebäude sogar einen eigenen Rückzugsraum für Intimität und Sex gab, erzählt der Film beiläufig, und gerade darin liegt die politische Botschaft: körperliche Selbstbestimmung, auch über Sexualität, gehört zu demselben Recht auf Teilhabe, das gerne von manchen auf Rampen reduziert wird.
Die UN-Behindertenrechtskonvention ist seit 2009 geltendes Recht in Deutschland. Doch zwischen Rechtsanspruch und gelebter Realität klafft weiterhin eine gewaltige Lücke auf Kosten behinderter Menschen.
Was hat das mit uns zu tun?
Während „Being Heumann“ feiert, wie eine unnachgiebige Bewegung ein Gesetz erzwang, beschäftigt sich der Deutsche Bundestag mit der Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG). Der Kabinettsentwurf vom Februar 2026 soll das Diskriminierungsverbot erstmals auf private Anbieter von Gütern und Dienstleistungen ausweiten. Doch neue verbindliche Barrierefreiheitsstandards fehlen. Stattdessen setzt die Bundesregierung auf individuelle Lösungen im Einzelfall, mit weitreichenden Ausnahmen für Unternehmen. Schadensersatzansprüche gegen private Anbieter sind ausgeschlossen, und auch die ursprünglich vorgesehene Beweislasterleichterung wurde im Kabinett gestrichen. Diese hätte es Betroffenen erleichtert, eine Diskriminierung vor Gericht nachzuweisen. Die Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman nennt die Reform eine „verpasste Chance“, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Jürgen Dusel einen „zahnlosen Tiger“.
Die UN-Behindertenrechtskonvention ist seit 2009 geltendes Recht in Deutschland. Doch zwischen Rechtsanspruch und gelebter Realität klafft weiterhin eine gewaltige Lücke auf Kosten behinderter Menschen. Restaurants, Arztpraxen und Geschäfte müssen noch immer nicht grundsätzlich barrierefrei sein, und Diskriminierung bleibt für Unternehmen weitgehend ohne finanzielle Konsequenzen. Damit bleibt Teilhabe eine Holschuld behinderter Menschen statt eine Bringschuld der Gesellschaft.
So wie sich die Aktivist*innen 1977 mit der Black Panther Bewegung verbündeten, kann die Behindertenbewegung heute Allianzen schließen.
Gemeinsamer Kampf für Menschenrechte
„Being Heumann“ ist deshalb kein amerikanisches Geschichtsdrama, das uns nichts angeht. Er erinnert daran, dass Rechte nie geschenkt wurden, sondern erkämpft werden mussten durch Besetzungen, lautstark, durch Menschen, die sich nicht mehr vertrösten ließen. Die Behindertenbewegungen in Europa brauchen genau diese Kompromisslosigkeit wieder. Von der Solidarität dieser 26 Tage können wir lernen: So wie sich die Aktivist*innen 1977 mit der Black Panther Bewegung verbündeten, kann die Behindertenbewegung heute Allianzen schließen, ob mit Klimaaktivist*innen von Fridays for Future, der jüngst gegründeten Gen Z regelt, die sich mit Themen rund um Bildung und gestiegenen Lebenshaltungskosten auseinandersetzt oder Black Lives Matter. Die Basis muss sein: Menschenrechte gelten für alle oder für niemanden. Judy Heumann hat gezeigt, wie das geht. Jetzt sind wir dran.
Being Heumann läuft ab 6. November in ausgewählten US-Kinos, ab 13. November auf Apple TV+.