Die Maske fällt: aus dem Leben einer Schwarzen, neurodivergenten Frau

Danielle Belton, eine Schwarze Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren. Sie trägt einen braunen Hut und eine weiße Bluse, darüber einen grauen Pullover.
Gerade wenn sich verschiedene Diskriminierungsebenen überlagern, ist es für Betroffene nicht leicht, „sie selbst“ zu sein. Foto: Danielle Belton
Lesezeit ca. 4 Minuten

Als Chefredakteurin der HuffPost galt Danielle Belton als Inbegriff von Erfolg – während sie innerlich mit unbehandeltem ADHS, einer bipolaren Störung und der ständigen Angst kämpfte, als Schwarze Frau in einer Führungsposition zu versagen. In ihrem Essay erzählt sie, warum sie gleich drei Masken trug, um zu überleben. Und was passierte, als sie beschloss, sie endlich abzulegen.

Kurz erklärt

Danielle Belton war Chefredakteurin bei einer großen US-Zeitung.
Sie hatte Erfolg in ihrem Beruf.
Aber eine Sache hat sie versteckt: sie hat eine bipolare Störung und ADHS.
Sie hatte Angst. Vielleicht würden Menschen sie anders behandeln, wenn sie davon wüssten? 
Besonders als Schwarze Frau in einer wichtigen Position wollte sie keine Fehler machen oder „Schwäche“ zeigen.

Ohne behandeltes ADHS hat Danielle oft unüberlegt Geld ausgegeben. 
Erst mit über 40 Jahren bekam sie die richtige Diagnose.
Seitdem geht es ihr besser.
Jetzt will Danielle ehrlich über ihre Behinderung sprechen. Sie sagt: Ich habe lange eine Maske getragen. Jetzt nehme ich sie ab.

Jahrelang habe ich so getan, als wäre ich nicht behindert. Ich habe jeden getäuscht – außer der Person, die mich am besten kannte.

Mein Vater hat sich nur um mich gesorgt, selbst als ich am Höhepunkt meiner Karriere war. Das ist auch nicht ungewöhnlich; sich zu sorgen, ist sein Naturzustand. 

Er erwartet immer das Schlimmste – dass Menschen sterben, dass wir alles verlieren – und ist dann angenehm überrascht, wenn der Worst Case nicht eintritt.

Während ich also als Chefredakteurin der HuffPost nach jedem Maßstab als „erfolgreich“ galt, war mein Vater nach wie vor besorgt.

„Ich wette, du gibst alles aus, was du verdienst“, sagte er.

Ich schwieg. Weil er Recht hatte.

Eine arme „reiche“ Person

Obwohl ich wegen meiner bipolaren Störung in Behandlung war und sie seit mehr als einem Jahrzehnt weitgehend unter Kontrolle war, hatte ich immer noch mit impulsivem Verhalten zu kämpfen. Ich hatte konstant einen Haufen Amazon-Kartons zum Recyceln, und meine Nordstrom-Kreditkarte war fast immer ausgereizt. Ich habe ständig eingekauft – wenn ich einsam war, wenn ich mich langweilte, als Belohnung – und verfiel dabei oft in eine Art „Dämmerzustand“, in dem ich das Gefühl hatte, keinerlei Kontrolle zu haben.

Die meisten Menschen sahen das nicht, aber ich war eine arme „reiche“ Person.

Mein Vater wusste es, weil er all das mitbekommt, was ich sonst nicht gerne zugebe, all die Dinge, die ich verborgen halte. Dass ich nach außen hin zwar ruhig wirkte, aber im Inneren ein Sturm herrschte.

Das war eine Wahrheit, die ich niemals enthüllen konnte, weil alle von mir abhingen.

Das Team, das ich leitete, und der Newsroom, den ich führte – ich konnte sie nicht wissen lassen, dass ich mit mir selber zu kämpfen hatte, weil ich eine Schwarze Frau in einer hochrangigen Position war. Und ich wusste: Wenn ich versagte, würde das nicht nur mein persönliches Unglück bleiben – es würde auf andere Schwarze Frauen übertragen, weil Rassismus vorschreibt, dass wir nicht als Individuen beurteilt werden, sondern als Kollektiv.

Während ich als bipolare Frau „offen“ lebte, durfte ich gleichzeitig aber nicht bipolar sein. Ich war neurodivergent und behindert, und musste beides verbergen. Meine Branche verlangte das. Als mir vor Jahren klar wurde, dass ich bei der Arbeit Probleme hatte, erzählte ich meinem Chef, dass ich depressiv war und unter exekutiver Dysfunktion litt.

Er sagte, er verstehe das, aber das dürfe nicht noch einmal vorkommen.

Ich wusste, was das bedeutete – ich durfte krank sein, aber ich durfte mich nicht krank verhalten. Ich musste eine Maske tragen.

Was viel für mich war, da ich bereits zwei trug.

Es ist die Wurzel des „Code-Switching“, bei dem Schwarze Menschen alleine oder unter anderen Schwarzen Menschen einen Verhaltensstandard an den Tag legen und dann in der Gegenwart weißer Menschen ein anderes Gesicht aufsetzen.

Ich trage die Maske

Der Wissenschaftler W.E.B. Du Bois prägte den Begriff der „Zweiheit“ (two-ness), um das doppelgleisige Bewusstsein zu beschreiben, mit dem Schwarze Amerikaner*innen leben müssen. Es ist die Vorstellung, dass Schwarze Menschen das Schwarzsein und das Amerikaner*innensein als zwei getrennte Identitäten halten müssen. Dass wir zweigeteilten Sinnes sind, während wir versuchen, in einer rassistischen Gesellschaft zu überleben, die uns zu stereotypisieren und zu definieren versucht. Es ist die Wurzel des „Code-Switching“, bei dem Schwarze Menschen alleine oder unter anderen Schwarzen Menschen einen Verhaltensstandard an den Tag legen und dann in der Gegenwart weißer Menschen ein anderes Gesicht aufsetzen.

Am besten wird dies in dem Gedicht „We Wear the Mask“ von Paul Laurence Dunbar aus dem Jahr 1896 veranschaulicht, dessen erste Zeile lautet: „Wir tragen die Maske, die grinst und lügt.“

Ich trug bereits eine Maske, um mit der Welt im Allgemeinen zurechtzukommen. Die Maske von Danielle Belton: die Marke, die Führungskraft, die Newsroom-Leiterin und Verfechterin psychischer Gesundheit. Diese Maske ist pragmatisch, bedacht, ausgeglichen und hat meine psychische Erkrankung wie etwas wirken lassen, das vergangen ist, und nicht wie etwas, mit dem ich täglich lebe.

Denn ich wusste: Wenn ich erfolgreich sein wollte, durfte die „kranke Danielle“ nicht gesehen werden.

Also setzte ich eine dritte Maske auf.

Die Maske der Gesundheit.

Und die hätte mich fast zerstört.

Und es fühlt sich gut an, ehrlich darüber zu sprechen, wo ich stehe – vor allen, aber besonders vor mir selbst.

Maske ab

Heute versuche ich, die Masken abzureißen. Die Maske der Gesundheit, die Maske der Perfektion. Die Maske von Erfolg, Wohlstand und Status. Die Maske des „Mir geht es gut“.

Mir geht es nicht gut.

Aber es geht mir besser.

Und es fühlt sich gut an, ehrlich darüber zu sprechen, wo ich stehe – vor allen, aber besonders vor mir selbst.

Mein Vater macht sich immer noch Sorgen. Aber das ist nicht mein Problem, das ich lösen müsste.

Mir ist klar geworden, dass ich Frieden verdiene – die Art von Frieden, die nur mit Liebe und Akzeptanz einhergeht. Deshalb verzeihe ich mir selbst die Zeit und das Geld, die durch unbehandeltes ADHS und die Entscheidung, es zu maskieren, verloren gegangen sind.

Zum ersten Mal entscheide ich mich für mich – ohne Maske.

Im englischen Original von Danielle Belton. Übersetzt von Karina Sturm. In Kollaboration mit The Global Disability News Network.

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