Musik, Duft und Fühlbücher statt nur Blicke: Bei der Modenschau von Susan Fang im Londoner Barbican erlebt unsere Autorin Amy Zayed zum ersten Mal eine Laufstegshow, die wirklich für sie gemacht ist. Möglich macht das die Initiative „Making Fashion Accessible“ – doch auf den Laufstegen selbst fehlen Models mit Behinderung noch immer fast vollständig.
Einfach erklärt
Eine blinde Autorin besucht eine besondere Modenschau in London.
Die Show ist barrierefrei.
Es gibt eine Audiodeskription.
Das heißt: Eine Stimme erklärt, was die Models tragen.
Es gibt auch Düfte und Fühlbücher.
So können blinde Menschen die Mode mit anderen Sinnen erleben.
Organisiert hat das die Stylistin Anna Cofone.
Ihr Projekt heißt „Making Fashion Accessible“.
Trotzdem gibt es ein großes Problem: Auf den Laufstegen laufen fast keine Models mit Behinderung.
Auch in den Entscheidungs-Positionen fehlen sie.
Studien zeigen: Das ist falsch.
Menschen mögen Werbung mit Models mit Behinderung.
Die Autorin fordert: mehr Mut in der Modebranche, mehr Models mit Behinderung, und mehr Menschen mit Behinderung, die mitentscheiden.
Die Musik ist getragen, fast schon rhythmisch pulsierend. Sie lässt meine Vorfreude steigen, während ich auf der Terrasse des Barbican sitze – einem riesigen Gebäudekomplex mit aufragenden Bauten mitten im Herzen Londons. Seine Terrassen und Außenbereiche mit Gärten und Fußgängerbrücken über Kanälchen bilden einen starken Kontrast zur wuchtigen Betonarchitektur des Gebäudes.
Auf dem Laufsteg präsentieren die Models die Entwürfe der Designerin Susan Fang. Ich trage Kopfhörer. Wann immer ein Model am Publikum vorbei läuft, verrät mir die Audiodeskription, welche Kreationen zu sehen sind – dominiert von Blumen, Perlen und farbenfrohen Mustern. Plötzlich steigt mir ein Parfum in die Nase, das wie geschaffen scheint für die floralen Elemente. Später erfahre ich, dass der Duft fester Bestandteil der Show war: Die Models trugen kleine Duftsäckchen der britischen Parfümmarke Penhaligon’s an ihrer Kleidung. Das Parfum wurde zwar weder für die Show noch für diese Kollektion kreiert, fügt sich aber nahtlos in die Audiodeskription und die Musik ein.
Wie sehr habe ich mich früher nach einer Modenschau gesehnt, bei der ich mich als blinde Person wirklich willkommen fühle!
Während ich das Geschehen verfolge, spüre ich das aufgeregte Jubeln meines 15-jährigen Ichs. Wie sehr habe ich mich früher nach einer Modenschau gesehnt, bei der ich mich als blinde Person wirklich willkommen fühle!
Meine Gedanken spiegeln sich in den Gesprächen mit vielen anderen blinden Gästen wider. Auch für Seren war es die erste Modenschau. Obwohl sie sich sonst nicht viel aus Mode macht, war sie von der Idee einer barrierefreien Show begeistert – vor allem, weil sie sich zum ersten Mal nicht ausgeschlossen fühlte. Zu verdanken ist das der britischen Stylistin Anna Cofone, die das Projekt „Hair and Care“ sowie die Initiative „Making Fashion Accessible“ ins Leben gerufen hat.
Making Fashion Accessible
Was als einfache Workshops begann, um blinden und sehbehinderten Menschen das Haarstyling zu vermitteln, gewann an Dynamik, als Anna Cofone gezielt auf Designer zuging, um deren Shows barrierefrei zu gestalten. Nach sieben Jahren haben Cofone und ihr Team bereits mehrere zugängliche Shows auf die Beine gestellt – inklusive Audiodeskriptionen, Fühlbüchern und Tast-Tour. Cofone hat zudem Kollaborationspartner in der Haarmarke „Authentic Beauty Concept“ gefunden, mit der sie seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Sie sind inzwischen nicht nur Sponsoren von Cofones Workshops und den „Making Fashion Accessible“-Shows, sondern haben auch von Cofone gelernt und Braille-Schrift nun als festen Bestandteil in ihr Branding integriert. Für Global Marketing Managerin Annabelle Schürmeier ist das der einzig richtige Weg für die Zukunft. „Uns fasziniert vor allem der Gedanke, dass Kreativität und Selbstausdruck für alle zugänglich sein sollten. ,Making Fashion Accessible’ schafft nicht nur Aufmerksamkeit für Barrieren, sondern baut sie ganz konkret ab. Das passt sehr gut zu ,Authentic Beauty Concept’ und unserem Verständnis einer offenen, vielfältigen Community, in der jede Person ihren individuellen Ausdruck finden und erleben kann“, sagt Annabelle Schürmeier.
Mode hat so viele Facetten, die man auf den ersten Blick gar nicht sieht. Ich liebe es, wenn Menschen die Wärme spüren und die Kleidung eine positive Energie überträgt.
Susan Fang
Fühlbücher und Tast-Führung
Vor der Show kamen die Gäste in einem separaten Raum zusammen. Dort erhielten wir Bücher mit liebevoll zusammengestellten Stoffmuster-Arrangements aus Susan Fangs Kollektion sowie Perlen und Blumen, die ihre Entwürfe prägen. Für mich persönlich war es das erste Mal überhaupt, so etwas zu erleben. Besonders begeistert hat mich, dass das Buch nicht nur mit der Haptik der Muster und Stoffe spielt, sondern auch mit den Farben. Für jemanden wie mich, der nicht vollständig blind ist, spielen Kontraste eine entscheidende Rolle – sie helfen mir, die Intensität der Farben besser zu erfassen. Die Verschmelzung von Tast- und Sehsinn war daher essentiell, um das Konzept hinter Fangs Entwürfen zu verstehen.
Auch für die Designerin selbst war es eine neue Erfahrung: „Mode hat so viele Facetten, die man auf den ersten Blick gar nicht sieht. Ich liebe es, wenn Menschen die Wärme spüren und die Kleidung eine positive Energie überträgt“, erzählt Fang.
Nach der Show wurden wir in Susan Fangs Atelier zu einer Tast-Tour eingeladen, bei der sie uns die Geschichte hinter ihrer Kollektion erzählte. Inspiriert wurde die Idee von einer Oper über einen jungen französischen Diplomaten, der sich in eine chinesische Opernsängerin verliebt – nur um Jahre später zu erfahren, dass es sich nicht um eine Frau, sondern um einen Mann handelte. Da Mode und Kleidung meine Identität widerspiegeln, greife ich solche Geschichten auf und webe sie in meinen eigenen Stil ein.
Stil hat auch damit zu tun, gesehen zu werden. Visuelle Aspekte sind also auch für blinde Menschen von Bedeutung.
Sehende nehmen oft an, dass für blinde Menschen der haptische Aspekt das Wichtigste an der Mode sei. Das ist jedoch nur ein kleiner Teil. Mein Zugang zur Mode begann mit dem Verständnis des kulturellen Kontexts von Kleidung im Allgemeinen und der Popkultur im Speziellen. Zu verstehen, warum bestimmte Modetrends in einer Epoche auf kamen und in einer anderen verschwanden und wie politische oder gesellschaftliche Faktoren Designer beeinflussten, hat mir geholfen, meinen eigenen Stil zu entwickeln.
Als jemand mit einer tiefen Leidenschaft für Kunst und Kultur wurde dies für mich zu einer Reise durch die Zeit. Sie ermöglichte mir, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und diese zu meinem heutigen Stil zu kombinieren – einem Stil, der sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Die Kombination aus den haptischen und visuellen Elementen, die ich noch wahrnehmen kann, der Geschichte der Kollektion, dem Tragegefühl auf der Haut und dem eigenen Ausdruck des Charakters: Das ist das perfekte Rezept für eine blinde Person wie mich, um ihren eigenen Stil zu erschaffen.
Stil hat auch damit zu tun, gesehen zu werden. Visuelle Aspekte sind also auch für blinde Menschen von Bedeutung. Denn wenn man seinen Stil als Teil der eigenen Identität formen möchte, geht es am Ende darum, etwas nach außen zu tragen. Und diese Welt ist nun einmal überwiegend visuell geprägt! Um das ausdrücken zu können, was man verkörpern möchte, muss man die visuelle Wirkung seines Stils verstehen.
Genau deshalb sind Tast-Touren im direkten Austausch mit den Designern so wertvoll: Man erhält Inspiration auf unterschiedlichen Ebenen, nicht nur über den Tastsinn.
Ebenso schätzte ich das Gespräch auf Augenhöhe – eine Form des Empowerments, die blinden Menschen in der Modewelt bisher kaum zuteil wurde. Wenn Susan Fang offen über ihre Herkunft und ihre Liebe zu Stoffen und Mustern spricht, gewährt sie uns Einblick in ihre kreative Welt und macht uns zu einem Teil davon.
Nach wie vor fehlen Models mit Behinderung auf den Laufstegen sowie in den Entscheidungspositionen dahinter.
Empowerment und Mode
Initiativen wie „Hair and Care“ und „Making Fashion Accessible“ entwickeln sich stetig weiter und tragen dazu bei, Barrierefreiheit zu einem festen Bestandteil der Modewelt zu machen. Doch der Weg ist noch lang.
Nach wie vor fehlen Models mit Behinderung auf den Laufstegen sowie in den Entscheidungspositionen dahinter. Oft werden Models, die nicht der „Norm“ entsprechen, nicht gebucht, weil Markenverantwortliche glauben, ihre Stammkundschaft wolle keine Models mit Behinderung sehen. Belege für diese Annahme gibt es jedoch nicht. Dies betrifft im Übrigen nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern ebenso Plus-Size-Models – und vor 15 bis 20 Jahren betraf es auch Models of Color.
Blickt man auf Studien, zeigen sich etliche Argumente gegen diese klischeehafte Sichtweise: Bereits 2011 ergab eine Studie von Diedrich, Lee & Kelly, dass Menschen lieber Models sehen, die ihrem eigenen Alltag entsprechen. Eine UK-Studie aus dem Jahr 2025 kam zum selben Ergebnis.
Speziell mit Blick auf Menschen mit Behinderung untersuchten Wang & Wie deren Wirkung in der Mode-Werbung. Der Studie zufolge hatten Models mit Behinderung eine positive Wirkung auf die meisten Betrachter*innen und stärkten das Vertrauen in die Werte der Marke. Allerdings gibt es hier keine Schwarz-Weiß-Antwort – es hängt stets vom Publikum ab: Schauen jüngere oder ältere Menschen zu? Und wie nehmen Menschen mit Behinderung die Werbung selbst wahr? Die positivste Wirkung erzielten Anzeigen, die Menschen mit Behinderung einbezogen, ohne sie zu tokenisieren oder auf ihre Behinderung zu reduzieren.
Der Modewelt mangelt es nicht an Möglichkeiten für mehr Diversität, sondern an Mut und Fantasie.
Kein einfacher Weg nach vorne
Der Modewelt mangelt es nicht an Möglichkeiten für mehr Diversität, sondern an Mut und Fantasie. Blickt man auf die Modetrends zurück, die unsere Kleidung bis heute prägen, wird schnell klar: Keiner davon entstand ohne ein Quäntchen Mut. Das gilt für den Eskapismus der 1920er-Jahre nach dem Ersten Weltkrieg und dem Wandel der Weimarer Republik, die die Gatsby-Ära prägten, ebenso wie für die Suffragetten-Bewegung, die das weibliche Erscheinungsbild revolutionierte, den Minirock der 60er-Jahre oder den Punk-Geist der 70er.
Wo bleibt also dieser Mut, wenn es um Menschen mit Behinderung geht? „Wir müssen weiter darüber sprechen und die Branche aufrütteln. Bis eines Tages jede Show für blinde, sehbehinderte und andere Menschen mit Behinderung zugänglich ist“, betont Cofone.
„Wir glauben, dass Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht werden sollte. Dafür braucht es mehr Sichtbarkeit, Austausch und vor allem Marken und Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen. ,Making Fashion Accessible’ zeigt sehr konkret, was möglich ist. Wir hoffen mit dieser Kollaboration auch andere zu inspirieren, sodass aus einzelnen Initiativen langfristig Selbstverständlichkeit wird“, sagt Schürmeier.
Mehr noch: Beginnen wir damit, die Repräsentation zu verbessern, indem mehr Models mit Behinderung auf den Laufstegen und mehr Entscheidungsträger*innen mit Behinderung hinter den Kulissen mitwirken. Viele Initiativen leisten bereits großartige Arbeit, um die Modewelt inklusiver zu gestalten. Dennoch müssen sie den Weg in die Communities finden, denen sie dienen – indem sie Menschen mit Behinderung einstellen und einbinden. Und wer weiß: Vielleicht arbeitet im nächsten Jahr schon eine blinde Person im Team von Anna Cofone mit, um Mode noch barrierefreier zu machen.
Dieser Artikel ist in Kollaboration mit The Global Disability News Network entstanden und aus dem Englischen übersetzt von Karina Sturm.