Rankin ist ein britischer Fotograf und Regisseur. Er ist bekannt für seine Porträts von Prominenten wie David Bowie, den Rolling Stones oder Kate Moss sowie für die Gründung britischer Popkultur-Magazine wie „Dazed & Confused“. Obwohl die Modeszene stark von Klischees der Perfektion und längst veralteten Schönheitsidealen geprägt ist, pusht Rankin die Themen Vielfalt und Inklusion. Journalistin Amy Zayed hat ihn zur London Fashion Week gesprochen.
Einfach erklärt
Rankin ist ein bekannter Fotograf aus Großbritannien.
Er hat schon viele berühmte Menschen fotografiert.
Rankin findet: Auch Menschen mit Behinderung sollten als Models arbeiten.
Er wählt Models nach ihrem Charakter aus, nicht nach einem festen Bild von Schönheit.
Rankin sagt: Marken buchen Menschen mit Behinderung oft nur, um eine Quote zu erfüllen.
Das findet er falsch.
Er wünscht sich, dass mehr Menschen sich für echte Vielfalt in der Mode einsetzen.
Ideale hinterfragen
„Wenn ich die Chance habe, die Models auszuwählen, entscheide ich mich für Charakter. Und wenn zum Beispiel eine Person mit Down-Syndrom eine umwerfende Ausstrahlung hat, die zum Shooting passt, ist sie dabei! Doch dann beginnt der Überzeugungsprozess und alle fragen einen: Warum genau diese Person? Warum muss es jemand mit Down-Syndrom sein? Und ich antworte meistens: Weil es genau die richtige Person dafür ist.“
Seine Vision von Vielfalt durchzusetzen, wenn die Verantwortlichen für Branding sich bereits auf ein bestimmtes Konzept versteift haben, ist eine Herausforderung – doch Rankin scheut keine Auseinandersetzung.
„Ich habe einmal einen Werbespot mit einer wunderbaren Sängerin gedreht, die eine fantastische Ausstrahlung hatte. Als alles fertig war, kam der Brand Manager zu mir und meinte, eigentlich hätten sie lieber einen weißen Mann mittleren Alters gehabt. Da habe ich gesagt: Warum hast du mir das nicht beim ersten Gespräch gesagt? Wir haben gerade eine Million Pfund für diese Kampagne ausgegeben“, erklärt Rankin.
Echte Gespräche statt Token-Behinderte
Rankin ist der Ansicht, dass die Zögerlichkeit, Models abseits der „Norm“ zu buchen, auf Ängste und Stereotypen zurückzuführen ist. Handelt es sich um ein Model mit Behinderung, wissen Kreative oft nicht einmal, wie sie mit der Person sprechen sollen.
„Sie haben solche Angst, etwas Falsches zu sagen oder jemanden zu kränken. Im Modegeschäft ist es essentiell, die Menschen zu verstehen, mit denen man arbeitet. Als Fotograf bin ich darauf angewiesen, dass mir die Leute vor der Kamera vertrauen. Um dieses Vertrauen aufzubauen, muss ich aber herausfinden, wer sie sind, was ihren Charakter ausmacht und wie sie ihren eigenen Körper wahrnehmen – wie sie mit ihm spielen oder agieren. Gerade wenn jemand eine körperliche Behinderung hat, muss ich das Thema direkt ansprechen. Nicht weil ich es so wahnsinnig faszinierend finde, sondern weil ich wissen muss, wie sie sich vor der Kamera bewegen.“
Ich war einfach neugierig darauf, welche großartigen Ideen aus der Zusammenarbeit mit diesen Models entstehen könnten.
Rankin
Wenn Marken Menschen mit Behinderung engagieren, geht es oft nur darum, Quoten zu erfüllen. „Das läuft dann nach dem Motto: Wir brauchen noch eine Schwarze Person und jemanden mit Behinderung für das Unternehmen – als wäre das das Kügelchen Eis obenauf und nicht etwas, das ganz natürlich zum gesamten Prozess gehören sollte. Genau dann wird die Person zum Token und mit der Situation fühlt sich niemand wirklich wohl“, sagt er. „Menschen mit Behinderung sind ohnehin schon Ableismus ausgesetzt – die Leute stieren sie an oder stellen die merkwürdigsten Fragen. Sie ziehen solche Schaulustigen an wie das Licht die Motten“, fügt er hinzu.
Casting-Show für Models mit Behinderung
Verschiedene TV-Formate haben versucht, Models mit Behinderung ins Rampenlicht zu rücken. Eines davon war „Britain’s Missing Top Model“, bei dem Rankin als Juror mitwirkte.
„Talent-Shows gibt es schon viel länger als das Fernsehen selbst. Das Gute daran ist, dass sie den Leuten Gesprächsstoff liefern. Und ja, natürlich gibt es die Ewiggestrigen, die sich davon vor den Kopf gestoßen fühlen, Menschen mit Behinderung im Fernsehen zu sehen. Aber genau darum geht es: Es muss normalisiert werden, und dafür muss es sichtbar sein. Als ich im Finale in der Jury saß, hatte ich keine Berührungsängste. Ich war einfach neugierig darauf, welche großartigen Ideen aus der Zusammenarbeit mit diesen Models entstehen könnten“, erklärt Rankin. Die Gewinnerin, Kelly Knox, bekam ein Shooting mit Rankin und ist bis heute als Model aktiv.
Es erfordert Mut zu erkennen, dass sich die Industrie nur weiterentwickelt, wenn jemand den Mut hat, sie neu zu gestalten – so wie Rankin.
Behinderung und Schönheit
In der Popkultur – nicht nur in der Mode – werden Behinderung und Schönheit sehr häufig als zwei Begriffe wahrgenommen, die schlicht nicht zusammenpassen. Der Grund dafür ist, dass Behinderung oft als schreckliches Schicksal gesehen wird; etwas, womit man nicht konfrontiert werden möchte. Wir assoziieren Behinderung kaum je mit Glamour-Modenschauen, Filmstars, Theater oder Musik-Events. Rankin argumentiert, dass dieser Ableismus der Kreativität im Wege steht.
Leider denken viele Menschen in starren Markenkategorien. Wenn die Sprache auf Behinderung kommt, stellt sich immer dieselbe Frage: Wollen die Leute das überhaupt sehen? Es erfordert Mut zu erkennen, dass sich die Industrie nur weiterentwickelt, wenn jemand den Mut hat, sie neu zu gestalten – so wie Rankin. Wir brauchen einflussreiche Allies, die Menschen mit Behinderung nicht nur Sichtbarkeit in der Mode gewähren, sondern sich aktiv für echte Repräsentation in all ihren Facetten einsetzen.
Dieser Artikel ist in Kollaboration mit The Global Disability News Network entstanden und aus dem Englischen übersetzt von Karina Sturm.