Ein Skateboard hat vier Räder. Ein Rollstuhl auch. Trotzdem hieß es für David Lebuser immer wieder: zu riskant, zu teuer versichert, nicht vorgesehen. Autorin Karina Sturm berichtet, wie er sich die Skateparks trotzdem eroberte und mit Sit’n’Skate eine ganze Bewegung ins Rollen brachte.
Informationen in Einfacher Sprache
David Lebuser ist Skater.
Er sitzt im Rollstuhl.
Er kommt aus Hamburg.
Nach einem Unfall im Jahr 2008 hat David Lebuser einen Rollstuhl bekommen.
Kurze Zeit später hat er angefangen, mit dem Rollstuhl zu skaten.
Das war schwer. Aber David hat nicht aufgegeben.
David wollte auch anderen Rollstuhl-Fahrer*innen das Skaten zeigen.
Das war nicht einfach.
Manche Skateparks haben gesagt: Zu viele Rollstuhl-Fahrer sind zu gefährlich für die Versicherung.
David hat das nicht akzeptiert.
Im Jahr 2013 hat David seinen ersten Workshop gemacht.
40 Menschen waren dabei.
Daraus ist ein Projekt geworden: Sit’n’Skate.
Sit’n’Skate gibt es heute in vielen Städten.
Zum Beispiel in Hamburg, Hannover und Bremen.
Bei Sit’n’Skate lernen Menschen im Rollstuhl das Skaten.
Sie entscheiden selbst, was sie ausprobieren wollen.
Sit’n’Skate setzt sich auch für die Rechte von behinderten Menschen ein.
David sagt: „Ich bin stolz darauf, behindert zu sein.”
Er nimmt Anlauf über einen langen, flachen Betonweg in Richtung Quarter Pipe. Am Coping, dem Metallrohr am oberen Rand der Rampe, hakt er seine Vorderräder für einen Rock to Fakie ein, verlagert sein Gewicht, bekommt die vorderen Lenkrollen frei und droppt zurück in die Rampe. Er dreht sich um, pusht erneut, um wieder Geschwindigkeit aufzunehmen, balanciert auf einem Rad über ein Manual Pad — eine flache Erhöhung im Skatepark — und verliert dabei kaum Tempo.
Dann kommt das letzte Hindernis: eine weitere Quarter Ramp. Er rollt hinein, lehnt sich nach hinten, führt die Hand hinter seinem Rücken nach unten an die Wand, während seine Räder den Kontakt verlieren und in die Luft abheben. Er steht kopfüber. Das Publikum reagiert mit einer Mischung aus Staunen und Jubel.
Das ist David Lebuser.
Für immer Dritter
Lebuser ist ein 39-jähriger Skater aus Hamburg mit schulterlangen, meist mittig gescheitelten Haaren, deren beide Seiten unterschiedlich gefärbt sind. Er trägt oft eine Cap, wenn nicht gerade einen großen Helm, und hat meistens irgendwo auf seiner Kleidung eine politische Botschaft. Heute steht sie auf seinen Socken: „Fck Nazis.“
In den vergangenen Jahren belegte Lebuser bei den Weltmeisterschaften in den USA immer wieder den dritten Platz — 2012, 2013, 2015, 2016, 2017 und 2018. „Ich bin für immer auf Platz drei“, sagt er lachend. 2014 gewann er allerdings in der Rollstuhl-Kategorie den Preis für den „Best Overall Run“.
Viele würden ihn als Badass beschreiben: jemanden, der sich von Herausforderungen, kalkuliertem Risiko und Geschwindigkeit angezogen fühlt. Lebuser ist außerdem Rollstuhlnutzer und der erste professionelle deutsche Rollstuhl-Skater.
Für manche nichtbehinderte Menschen klingen die Wörter Rollstuhl und Skaten widersprüchlich. Für Lebuser liegt die eigentliche Herausforderung aber nicht darin, mit einem Rollstuhl zu skaten. Rollstuhl-Skater*innen können viele der gleichen Tricks machen wie andere Skater*innen, sagt er — abgesehen von Kickflips, die im Rollstuhl schwierig sind. Die eigentliche Barriere ist der Zugang zu Skateparks: öffentliche Orte, die eigentlich für alle gedacht sind — aber selten so geplant werden, dass Rollstuhlnutzer*innen selbstverständlich dazugehören.
Behinderte Menschen werden noch immer häufig aus einer medizinischen Perspektive betrachtet: als Menschen, die Pflege, Schutz oder Aufsicht brauchen und nicht als Menschen, die eigene Entscheidungen treffen, Risiken eingehen oder Fehler machen dürfen.
Stereotype überwinden
Auf den ersten Blick ist die Verbindung doch offensichtlich: Ein Skateboard hat vier Räder, ein Rollstuhl auch. Warum sollten Rollstuhlfahrer*innen also nicht skaten?
Die Antwort hat weniger mit Sport zu tun als mit den Vorurteilen rund um Behinderung. Behinderte Menschen werden noch immer häufig aus einer medizinischen Perspektive betrachtet: als Menschen, die Pflege, Schutz oder Aufsicht brauchen und nicht als Menschen, die eigene Entscheidungen treffen, Risiken eingehen oder Fehler machen dürfen.
Bevor Lebuser Rollstuhlnutzer wurde, war er, wie er sagt, kein besonders guter Skater. Nach einem Unfall im Jahr 2008 zeigten ihm seine Freunde — größtenteils Skater — ein Video von Aaron Fotheringham, dem bekannten Rollstuhl-Skater, der einen Backflip machte. „Ich dachte, das ist unmöglich, aber die Idee hat mich nicht mehr losgelassen.“
Als Lebuser aus seinem Krankenhausrollstuhl — „ein Scheiß-Rollstuhl, mit dem ich mich kaum bewegen konnte, aber immer noch besser, als im Krankenhausbett festzustecken“ — in einen Aktivrollstuhl wechselte, also einen Rollstuhl, der dafür gemacht ist, sich selbstständig fortzubewegen, dauerte es nicht lange, bis er seine ersten Tricks ausprobierte.
„Als ich gelernt hatte, wie ich vom Boden zurück in meinen Rollstuhl komme, was unglaublich anstrengend ist, dachte ich: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, skaten zu lernen, weil ich keine Angst mehr davor habe, aus meinem Stuhl zu fallen.“ Noch während er in der Reha-Einrichtung war, besuchte er einen nahegelegenen Skatepark.
Er nahm Anlauf, rollte über eine Four-Way Skate Ramp und landete mit dem Gesicht auf dem Boden, während mehrere andere Skater ihn besorgt anstarrten. Lebuser dagegen lachte. Zum ersten Mal nach seinem Unfall, sagt er, habe er sich wieder unabhängig gefühlt.
Was noch fehlte, war die Community. 2012 fuhr Lebuser zu seinem ersten Wettbewerb nach Los Angeles. „Ich hatte ein Gefühl von Zugehörigkeit, weil ich von Dutzenden Rollstuhl-Skatern umgeben war, während ich in Deutschland immer der Einzige war. Und ich habe in zwei Tagen in LA mehr gelernt als in zwei Jahren in Deutschland. Als ich aus LA zurückkam, habe ich deshalb entschieden, dass ich genau so eine Community hier haben will, in Hamburg.“
Das war der Anfang von Sit’n’Skate.
„Als ich mehr behinderte Menschen in den Skatepark bringen wollte, sagten mir die Betreiber, es sei okay, wenn ich regelmäßig dorthin komme, aber ihre Versicherung würde nicht noch mehr behinderte Menschen abdecken. Sie meinten, es sei zu gefährlich, zu riskant.“
David Lebuser
Von Gesundheitsrisiken zu Versicherungsproblemen
Eine Rollstuhlskatecommunity in Deutschland aufzubauen, war nicht einfach. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren war Skaten überall. Viele Jugendliche hatten Tony-Hawk-Poster in ihren Zimmern. Skateparks waren Orte, an denen junge Menschen Tricks ausprobierten, scheiterten, sich Knochen brachen und es wieder versuchten. Risiko gehörte zur Kultur. Wer sich an einem schwierigen Trick versuchte und dabei stürzte, galt nicht als leichtsinnig, sondern als jemand, der es ernst meinte.
Doch wenn behinderte Menschen dieselben Risiken eingehen, gelten plötzlich andere Maßstäbe. Was bei nichtbehinderten Skater*innen als Mut oder Teil der Szene gilt, wird schnell zum „Gesundheitsrisiko“ oder „Versicherungsproblem“, sobald Rollstuhlnutzer*innen beteiligt sind.
„Als ich mehr behinderte Menschen in den Skatepark bringen wollte, sagten mir die Betreiber, es sei okay, wenn ich regelmäßig dorthin komme, aber ihre Versicherung würde nicht noch mehr behinderte Menschen abdecken. Sie meinten, es sei zu gefährlich, zu riskant.“
Viele behinderte Menschen kennen dieses Muster: Ausschluss wird als Fürsorge getarnt. Zugang sei zu kompliziert, zu gefährlich oder versicherungstechnisch nicht machbar. Doch am Ende bedeutet das: Andere entscheiden, wo behinderte Menschen sein dürfen, was sie ausprobieren können und welches Risiko ihnen zugetraut wird.
Für Lebuser war diese Logik nicht akzeptabel. „Das haben wir von allen immer wieder gehört, und ich dachte: Fuck this! Will uns wirklich niemand unterstützen?!“
Der erste Workshop von Sit’n’Skate
Ein Wendepunkt kam, als Lebuser auf dem Cover des deutschen Rollstuhlsport-Magazins erschien, das über seine Leidenschaft für Rollstuhl-Skating schrieb. Der Artikel weckte Interesse innerhalb der Community, und am 5. Mai 2013 veranstaltete er mit Unterstützung einer kleinen Hamburger Organisation, UTE, und des Deutschen Rollstuhl-Sportverbands (DRS) seinen ersten Rollstuhl-Skating-Workshop in Deutschland.
Vierzig Menschen nahmen teil. „Ich hatte keine Ahnung, was ich da tat, aber alle hatten eine gute Zeit. Es waren nicht so viele Menschen wie in LA, aber nah genug dran. Und eines wurde offensichtlich: Jeder wollte mehr.“
In seinem Hamburger Skatepark merkt Lebuser inzwischen, wie sehr sich die Wahrnehmung verändert hat. Früher stand oft die unausgesprochene Frage im Raum: „Was macht der Typ im Rollstuhl hier?“ Heute ist die Reaktion eher: „Oh, cool, noch ein Rollstuhl-Skater!“
„Hier in Hamburg kennen die Leute Sit’n’Skate und sehen mich ständig. Da starrt mich niemand mehr an oder fragt mich, ob ich laufen kann. Aber wenn man in eher ländliche Gegenden kommt, wo die Menschen kaum Kontakt zu Rollstuhlnutzer*innen haben — und erst recht nicht zu Rollstuhl-Skatern —, sind viele Stereotype noch da. Dann sind die Leute verwirrt, wenn sie mich skaten sehen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis Menschen mit Behinderungen wirklich überall dazugehören.“
Lebusers Arbeit zeigt: Inklusion entsteht nicht von selbst. Sie braucht Menschen, die dranbleiben. Jahrelang gab er die Workshops kostenlos, neben seinem Vollzeitjob. Irgendwann war das nicht mehr zu leisten. Wie es mit Sit’n’Skate weitergehen sollte, wusste er damals nicht — bis Jens Dreesen, Gründer der gemeinnützigen Organisation SUPR SPORTS, auf seine Arbeit aufmerksam wurde und ihn 2020 mit einem Netzwerk von Förderern zusammenbrachte.
„Bis dahin hatte ich Sit’n’Skate immer nur als Sport gesehen. Dann habe ich verstanden, dass wir eine Organisation sein können, die Sport für gesellschaftlichen Wandel nutzt.“ Eine Zeit lang war Sit’n’Skate bei SUPR SPORTS angesiedelt. Dort lernte das Projekt, was es braucht, um dauerhaft zu bestehen — Strukturen, Finanzierung, Organisation. 2024 wurde Sit’n’Skate schließlich eine eigene gemeinnützige Organisation.
Heute hat Sit’n’Skate fünf bezahlte Teammitglieder – davon seit diesem Jahr auch eine Person aus einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, die bei Sit’n’Skate fair bezahlt wird – und viele Ehrenamtliche. Die Organisation bietet Workshops in mehreren deutschen Städten an, darunter Hamburg, Hannover, Dortmund, Bremen, Oldenburg und Aurich. Außerdem organisiert sie inklusive Ferienprogramme für Kinder sowie Skate-Events und unterstützt Menschen, die erst seit Kurzem im Rollstuhl unterwegs sind, dabei, sich sicher und selbstbewusst durch den öffentlichen Raum zu bewegen.
Aber Sit’n’Skate ist nicht nur eine Sportorganisation. Die Organisation ist auch zu einer Plattform für Aktivismus geworden: Sie organisiert Proteste, macht Diskriminierung sichtbar und beteiligt sich aktuell an Aktionen rund um die Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes.
Unser wichtigstes Ziel erreichen wir: Rollstuhlnutzer*innen werden unabhängiger, selbstbewusster und sichtbarer.
David Lebuser
Vom Trainee zum Trainer
„Wir fragen nicht: Kannst du das überhaupt? Sondern wir sagen: Versuch es, und wir sind da, damit es so sicher wie möglich ist. Wir wollen keinen klassischen Workshop machen, bei dem alle einem festen Lehrplan folgen müssen wie in der Schule. Es ist ein offener, sicherer Raum, in dem alle in ihrem eigenen Tempo lernen und Dinge ausprobieren können.“
Sit’n’Skate richtet sich an Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Nicht alle bringen dieselbe Beweglichkeit, dasselbe Gleichgewicht oder dieselbe Erfahrung mit. Deshalb gibt es auch keinen Standardweg zu einem Trick. Entscheidend ist, dass die Teilnehmenden Vertrauen gewinnen, Dinge ausprobieren und lernen, ihren Rollstuhl besser zu kontrollieren.
„Einige sind mittlerweile seit Jahren dabei. Sie kamen zuerst als Teilnehmende und sind heute selbst Trainer*innen. Jetzt geben sie weiter, was sie vor Jahren selbst gelernt haben. Es ist schön zu sehen, wie sehr behinderte Menschen durch diese Entwicklung an Selbstvertrauen gewinnen.“
Langfristig, sagt Lebuser, arbeitet Sit’n’Skate auf eine Gesellschaft hin, die nicht diskriminiert — eine Gesellschaft, in der behinderte Menschen an allen Lebensbereichen teilhaben können.
„Wir wissen, dass wir nur ein kleines Puzzleteil sind. Aber unser wichtigstes Ziel erreichen wir: Rollstuhlnutzer*innen werden unabhängiger, selbstbewusster und sichtbarer. Und sie können am Ende sagen: Ich bin stolz darauf, behindert zu sein.“
Die Wirkung von Sit’n’Skate reicht inzwischen weit über die eigenen Workshops hinaus. Über die Jahre hat die Organisation auch verändert, wie in Deutschland über Skateparks nachgedacht wird. Einige Planer*innen berücksichtigen heute Rollstuhlnutzer*innen in ihren Entwürfen — etwas, das vor zehn Jahren noch kaum vorstellbar gewesen wäre.
Es ist eine kleine, aber bedeutende Veränderung: Rollstuhlnutzer*innen gelten in Skateparks nicht länger nur als Risiko, sondern werden zunehmend als Teil der Szene mitgedacht — auch bei der Planung der Parks selbst.
Im Skatepark beginnt dieser Wandel oft mit etwas ganz Einfachem: Anlauf nehmen, einen Trick versuchen, fallen, lachen, zurück in den Stuhl kommen — und es noch einmal versuchen.
Dieser Artikel ist zuerst in Englisch auf The Global Disability News Network erschienen.