Die Neue Norm: Eine Sehbehinderung, ein Rollstuhl, eine chronische Erkrankung. Oder: drei Journalist*innen. Jonas Karpa, Raul Krauthausen und Karina Sturm sprechen über Behinderung, Inklusion und Gesellschaft.
Folge 76: „Werkstätten für behinderte Menschen (Teil 1)“
Transkript Folge 76: Werkstätten Teil 1
Jonas: Sag mal Karina, was würdest du dir für 1,35 Euro kaufen?
Karina: Da gibt es glaube ich heutzutage nichts mehr. Vielleicht ein Duplo für Raúl?
Raúl: Au ja!
Jonas: Herzlich willkommen zu die Neue Norm, dem Podcast. Vielen Dank erstmal für die vielen Rückmeldungen, die ihr uns geschickt habt, auf allen erdenklichen Kanälen zu unserer Folge über die Deutsche Bahn. Ein Thema, was euch sehr beschäftigt und sehr polarisiert. Wenn ihr jetzt sagt, Moment mal, Deutsche Bahn, Podcast, die Neue Norm, was habe ich verpasst? Keine Sorge, ihr könnt diese und auch alle anderen Episoden nachhören bei ARD Sounds. Und heute kümmern wir uns um ein Thema, was vielleicht ähnlich polarisierend ist. Und zwar geht es um Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Wir klären, warum arbeiten Menschen dort, wie arbeiten Menschen dort und vor allem, wie kommt man wieder aus diesen Werkstätten raus. Und wir möchten heute da mit einer Person darüber sprechen, die mal in einer Werkstatt gearbeitet hat, nämlich unserem Kollegen Wolfgang. Hallo, schön, dass du da bist.
Wolfgang: Hallo.
Jonas: Wie bist du aus der Werkstatt wieder rausgekommen? Beziehungsweise was war der Grund, warum du gesagt hast, hier möchte ich nicht länger arbeiten?
Wolfgang: Das war so die Zeit, wo Corona war und da, weil ich ja Asthma bin, hat die Werkstatt aber immer wieder gesagt, du kommst jetzt arbeiten. Und irgendwann hat mir das gereicht und dann habe ich einfach gekündigt.
Jonas: Okay. Wie genau dieser Weg für dich raus aus der Werkstatt war, werden wir heute unter anderem in unserem Podcast besprechen. Bei mir sind auch zwei Leute, die nicht in einer Werkstatt, laut meiner Recherche, ich weiß es nicht, vielleicht erzählen sie es, aber sie waren, glaube ich, nicht in einer Werkstatt, nämlich Karina Sturm und Raúl Krauthausen.
Raúl und Karina: Hallo.
Raúl: Ich war nur zu Besuch dort.
Karina: Okay. Ich nicht mal das.
Jonas: Okay, wir sind wie gesagt heute hier zu viert und um nochmal den Kontext zu klären, wir arbeiten ja alle irgendwie für den Sozialhelden e. V. Das ist ein gemeinnütziger Verein mit dem Sitz in Berlin, der sich um Inklusion und Barrierefreiheit in den ganz vielen unterschiedlichen Projekten kümmert. Zum einen gibt es da die neuen Normen unserer Online-Magazine, unseren Podcast. Wir haben auch schon häufiger in unseren Podcast über Leidmedien.de gesprochen, wo es um diskriminierungssensitive Sprache zur Behinderung geht. Es gibt die Wheelmap, das ist eine Online-Karte für rollstuhlgerechte Orte, die man dort markieren kann. Und es gibt aber auch zum Beispiel das Projekt Job Inklusive, wo es explizit um das Thema Arbeit und Behinderung geht. Und deswegen kennen wir uns und deshalb kennen wir auch dich ja Wolfgang, weil du quasi bei uns in diesem Projekt arbeitest. Das, was ich mich so am Anfang so gefragt habe, wenn wir über Werkstätten sprechen, wo behinderte Menschen arbeiten, so ein bisschen die Basisfakten irgendwie zu klären. Karina, du hast dich so ein bisschen damit beschäftigt bzw. ein bisschen recherchiert. Wie viele Werkstätten dieser Art gibt es überhaupt in Deutschland? Wie viele Leute arbeiten da?
Karian: Also in Deutschland gibt es rund 700 anerkannte Werkstätten für behinderte Menschen und zwar mit 3000 Standorten. Insgesamt arbeiten gerade rund 310.000 Menschen in solchen Werkstätten. Die sind eigentlich dazu da, Menschen mit Behinderung zu qualifizieren für den allgemeinen Arbeitsmarkt bzw. Teilhabe zu ermöglichen. Trotzdem ist aber die Übergangsquote aus Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt weniger als ein Prozent. Also die genaue Quote schwankt, aber es ist irgendwo zwischen 0,3 und einem Prozent. Und der Durchschnittslohn, der lag monatlich 2023 ungefähr bei 232 Euro. Es kommt ein bisschen darauf an, ob da noch irgendwie andere Sozialleistungen sind, aber das ist quasi so der Durchschnittslohn, den man da kriegt, wenn man da arbeitet.
Jonas: Es ist nicht viel. Gleichzeitig und weil dieses Thema so wichtig ist, haben wir uns auch entschlossen eine Doppelfolge in dem Sinne zu machen, dass wir heute mit dir Wolfgang sprechen über deinen Weg, wie du in die Werkstatt gekommen bist und vor allem auch wieder raus und wie es dir heute geht. Und in der nächsten Episode möchten wir dann nochmal so uns das genaue System der Werkstätten angucken. Was sind positive Aspekte, die es vielleicht gibt? Was sind eben die negativen? Ich glaube, diese Thematik der Durchlassquote und auch des Lohns ist auf jeden Fall etwas, was ja auch schon sehr in der Kritik steht. Deshalb, Wolfgang, vielleicht als erste Frage so an dich. Wie bist du in die Werkstatt gekommen? Also wann war der Weg, dass das irgendwie für dich klar war, du arbeitest in einer Werkstatt?
Wolfgang: Na so klar war das mir ja noch nicht, weil ich war dann 1990 aus der Schule raus, da kam ich bei so einem Arbeitsamt und mit meiner Mama natürlich. Ich wollte unbedingt in einem Krankenhaus arbeiten, nie in einer Werkstatt. Wollte ich schon damals nicht, weil ich hab ja in der Schule das hier mal angeguckt, Praktikum gemacht und das hat mir da einfach nicht gefallen. Ja, aber da wurde ja gar nicht irgendwie beim Arbeitsamt gesagt, da brauchen sie eine bestimmte Ausbildung dafür. Der hat dann gleich gesagt, nee, gehen sie mal lieber in eine Werkstatt. Und ab da bin ich dann in eine Werkstatt gekommen. Im November 1990 war ich dann in einer Werkstatt, so über 30 Jahre. Ja, und kurz mitzuteilen, wenn ihr ein Auto habt, entweder Ford, wenn ihr die Sicherheitsquote anlegt, das hab ich gebaut, dann seht ihr schon mal, dass das Auto von uns gebaut wurde und nicht von den Ford-Firmen. Oder es gibt von der Ford eine Sicherheitsbehälter unten drunter, das haben wir auch gemacht mit unseren Stempeln von der Werkstatt.
Jonas: Und wenn man ganz genau gucken würde, würde man das rausnehmen und reingucken, umsehen und gucken, ob da ein Stempel ist. Und da steht drauf, dann ist es hergestellt in der Werkstatt, wo du warst.
Wolfgang: Genau.
Jonas: In welche Schule bist du da vorgegangen?
Wolfgang: In so eine Sonderschule.
Jonas: Okay. Und das war auch klar aufgrund deiner Behinderung?
Wolfgang: Ich war ja vorher auch in einer normalen Schule, als Kind, wie ganz normale andere Kinder. Aber die Lehrer haben gesagt, naja, der stört, die wollten mich ja nur loswerden, weil die haben nicht mit mir gefördert, die haben gar nichts gemacht.
Karina: Als du da in der Sonderschule warst, hast du gesagt, hast du ein Praktikum in einer Werkstatt gemacht, ne?
Wolfgang: Genau.
Karina: Haben die dir noch irgendwelche anderen Praktika machen lassen außer in der Werkstatt?
Wolfgang: Nein.
Karina: Nein, also es war sofort hier, das ist da, wo du hin sollst.
Wolfgang: Genau.
Karina: Und du hast gesagt, du fandest es irgendwie doof da, was genau, was fandest du doof?
Wolfgang: Na, wie die Gruppenleitern, die Menschen mit Behinderung umgegangen sind damals, wo ich da war als Praktikum und was sie da so für Geschichten erzählt haben, das hat mir einfach nicht gefallen und ich wollte nie dorthin. Und dann musste ich halt hin, aber ich wollte nie dorthin, ich wollte mein Geld verdienen auf dem ersten Arbeitsmarkt, schon als Junge, schon als, ab 18 wollte ich schon da was anderes machen, ich wollte Geld verdienen und nicht abspeisen von der Rente, von so einer EU-Rente, was man in der Werkstatt so 20 Jahre bekommt. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte nicht erst später auch meine Rente bekommen, nur weil ich das da hatte, wollte ich jetzt leben, wollte ich jetzt meinen Anteil an die Regierung geben. Ich wollte ganz normal meine Steuern zahlen. Aber in diese Werkstatt geht nicht. Funktioniert nicht.
Raúl: Du hast eben auch so ein bisschen über deinen eigentlichen Berufswunsch gesprochen, also was war es genau, was hast du dir vorstellen können, zu machen?
Wolfgang: Na, ich wollte ja in ein Krankenhaus, aber nicht irgendwo mit Wäsche auspacken oder so, einfach mal mit den Patienten dabei sein. Mit denen ein bisschen, weil die ja den ganzen Tag im Bett liegen und so, aber die können ja raus, weil die anderen Schwestern, die haben ja dafür keine Zeit. Oder auch Pflegern oder so. Und da wollte ich halt so eine Art Unterstützung machen. Aber da wurde ich ja damals komplett blockiert.
Jonas: Raúl, du hast schon häufiger bei uns, ja auch im Podcast erzählt, wie so dein Werdegang in dem Sinne ja irgendwie war. Stand bei dir zur Diskussion irgendwann mal überhaupt, dass du in eine Werkstatt kommen solltest?
Raúl: Tatsächlich ja. Als ich in der neunten Klasse war, da ist die ganze Klasse an einem Tag geschlossen in ein Berufsinformationszentrum gegangen. In ein BIZ. Ich weiß nicht, viele von uns kennen das wahrscheinlich, wo man dann so Berufsorientierung machen kann. Ich glaube es heißt Berufsinformationszentrum. Und während alle meine nicht behinderten Klassenkameradinnen sich dann Berufe anschauen konnten, wo ich gemerkt habe, dass wir auch noch in einer Zeit in der VHS-Kassetten ein großes Ding waren, konnten sie sich dann alle Berufe anschauen auf VHS-Kassetten oder in irgendwelchen Büchern, sogar Studiengänge konnte man sich informieren. Und ich bekam meinen eigenen Berater. Und dieser Berater hat mich in einen Raum gebeten, die Tür hinter uns beiden zugemacht und das erste, was er zu mir gesagt hatte, war, “Hast du schon mal was von den Mosaikwerkstätten gehört?”
Karina: Oh Gott.
Raúl: Ich kann mich zum Glück daran erinnern, dass meine Mutter am Morgen vorher noch zu mir gesagt hat, “Lass dir bloß keine Werkstatt einreden.” Das heißt, ich habe dem Mann auch nicht weiter zugehört. Ich weiß nicht, was er mir vorschlagen wollte. Ich erinnere mich nur so weit, dass er wollte, dass ich mir das mal anschaue, was für tolle Sachen die dort machen. Wir reden ja heute nicht nur über Wolfgangs Werdegang, sondern auch über das System Werkstätten ein bisschen. Weil Werkstätten sind sehr gut darin, sich zu verkaufen, zu erzählen, was sie alles Tolles machen. Also machen sogar Dinge für Autos und so weiter und so fort. Ihr Auftrag ist aber eigentlich ein anderer. Und ich glaube, es ist wichtig, darüber zu sprechen.
Jonas: Wie war das bei dir, Wolfgang, wenn du hörst, dass Raúls Mutter gesagt hat, “Lass dich bloß nicht in eine Werkstatt quatschen.” Wie war bei dir das familiäre Umfeld? Haben die dich davor gewarnt oder fanden die das gut, dass du in eine Werkstatt gehst? Wie kann ich mir das so vorstellen?
Wolfgang: Nein, die fanden das eigentlich gar nicht so toll, dass ich da in einer Werkstatt verhungere. Da sage ich es einfach mal so. Die hatten auch andere Gedanken für mich. Aber weil ich in der Schule ja nix richtig lernen konnte, so lesen, schreiben oder rechnen, ich habe mir das Lesen ja selber beigebracht, so ein bisschen. Aber das Schreiben habe ich natürlich vernachlässigt. Und das hätte ich ja nicht Schule machen sollen. Und ich wollte eigentlich auch immer einen Schulabschluss haben. Wurde aber blockiert. Und zurück noch mal zu meinen Eltern oder meiner Mama. Die wusste auch nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Und dann haben wir beide gesagt, “Okay, haben wir beide Zusammenhalt. Andere Möglichkeiten gibt es nicht. Ich habe keine Informationen.” Und meine Mutter hatte auch damals keine Informationen bekommen. Und keiner hat uns mal erklärt, es gibt ja auch noch andere Möglichkeiten. Da kam ja nix rüber. Nix. Und da musste ich halt mit einem Bauchschmerz in diese Werkstatt.
Jonas: Raúl, unterstreicht das das, was du gesagt hast? Diese Thematik, dass man eigentlich auch ein sehr proaktives Umfeld braucht, die alle Radar und Antennen offen oder quasi auf Sendung oder so empfangen haben, dass eben vielleicht dieser Weg in die Werkstatt verhindert wird?
Raúl: Ich finde, Wolfgang hat da einen sehr wichtigen Punkt angesprochen, dass es tatsächlich an alternativen Informationen mangelt. Weil es gibt Alternativen. Und wenn jetzt aber schon das Berufsinformationszentrum, was ja irgendwie auch so eine Art Jobcenter-Verlängerung ist, wenn die schon nicht in der Lage sind, einem das ganze Spektrum zu zeigen, was man als Mensch mit Behinderung machen kann, dann ist das tatsächlich ein Problem. Und klar, Wolfgang und ich haben schon vor ein paar Jahrzehnten die Schule abgeschlossen. Aber wenn wir uns jetzt auch in der Gegenwart anschauen, da habe ich große Zweifel, ob das wirklich viel besser ist. Wir haben gesellschaftlich gelernt, scheinbar, das sitzt so tief in den Köpfen der Verwaltungen, dass behinderte Menschen in Schutz- und Wohnräume müssen, zum Beispiel in Form von Werkstätten, in Form von Förderschulen, in Form von Behindertenwohnheimen, Sonderfahrdiensten und so weiter, um bloß das Regelsystem, Regelschule, Regelarbeitsmarkt, Regelarbeitsplatz nicht verändern zu müssen. Und das Ganze wird dann aber eben als etwas Positives verkauft. Dann wird dann halt gesagt, da sind die dann unter sich, da können sie sich dann austauschen, haben sie ihre Freunde und außerdem würden sie ja dort auch fortgebildet und rehabilitiert werden. Und ich meine, wenn man Wolfgangs Aussagen lauscht, dann kann man schon die Frage stellen, was für eine Art von Rehabilitation und Fortbildung war denn das?
Karina: Glaubst du, also glaubt ihr beide, es ist auch ein Teil davon, also es entscheiden ja im Endeffekt dann auch oft die Eltern über den Werdegang von dem Kind mit Behinderung. Und was ich ganz oft von Eltern mit behinderten Kindern höre, ist, dass von Werkstätten und diesen ganzen Sondereinrichtungen halt immer kommt so, aber was ist denn, wenn ihr als Eltern mal nicht mehr seid, was soll denn dann mit dem Kind passieren? Und dann sind sie quasi in der Werkstatt, sind sie gut aufgehoben und da muss man sich keine Sorgen um die Zukunft machen. Das ist irgendwie, wo ich das Gefühl habe, das ist so fest auch bei den Eltern, dass die sich fast nicht trauen, irgendwas anderes zu machen, weil ihnen das vermittelt wird.
Jonas: Genau, Wolfgang, hattest du das Gefühl, dass quasi dir vermittelt wird, dass du es in der Werkstatt gut haben wirst, dein Leben lang?
Wolfgang: Nein, ich habe so ein Gefühl, dass meine Mutter halt nicht so diesen Gefühl hatte. Sie wollte für mich ja auch was anderes haben, sie wollte für mich ja was anderes machen, aber das konnte sie nicht, weil sie halt keine Information hatte, wie sie jetzt da rangehen kann. Aber andererseits, sie hat mich dann so erzogen wie ihre anderen, wie meine Geschwister. Wenn ich Scheiße gebaut habe, habe ich genauso Trachtprügel bekommen wie meine Schwester, so wie meine Brüder. Weil mein Vater sagt, nein, bloß nicht, der hat doch ein Handicap, der kann nichts dafür. Da sagt meine Mutter, nee, wenn ihr Scheiße baut, dann kriegt ihr genauso die Trachtprügel wie meine anderen beiden Kinder halt. Und das hat sie auch mal dem Arzt erzählt, weil ich habe ja hier mit der Hasenscharte und so zu tun, mit dem Gaumen und so als Baby, und da sagt er zu meiner Mutter, das haben die richtig so gemacht. Weil er hat dann mal erzählt, dass auf einmal Eltern da sind, die haben ihre Kinder in den Watte gesteckt. Und das kannte ich nicht von meiner Mutter halt. Aber bei dieser anderen Sache, da hat sie nicht so diese, wo kann ich hin, was kann ich machen. Eigentlich möchte mein Sohn ja nicht, dass er in diese Werkstatt geht, weil er wollte ja nicht, dass er in die Werkstatt geht, weil er hat es ihm ja richtig, wie sagt man, ja, es hat weh getan.
Raúl: Jetzt hast du ja gerade gesagt, Wolfgang, dass du dann in der Werkstatt eher in Watte gepackt wurdest. Wie sah denn diese Watte aus? Also was hat man dir gegeben? Was waren deine Aufgaben? Hattest du Fortbildungen bekommen?
Wolfgang: Auf der einen Seite, gar nichts. In der Werkstatt habe ich ja keine Watte bekommen. Ich meine ja die andere Elternteil, die ihre Kinder in die Watte gesteckt haben, um sie bloß nicht auf die böse, böse Welt draußen, und das fand ich ja allzeit gut. Aber auf der anderen Seite hast du schon recht, in der Werkstatt ist es, so wie ich es sagen kann, sehr streng. Ich wohne ja in so einer WG und ich habe eine Mitbewohnerin, sie wurde verweigert, ihren Lohnzettel auszahlen zu lassen, nur weil sie eine andere Behinderung hat. Sie haben jahrelang verweigert, ihr den Zettel in die Hand zu geben, und ihre Begründung war, sie hat halt eine andere Behinderung, sie kann ja ihren Lohnzettel kaputt reißen.
Jonas: Aber zurück zu deinen Aufgaben. Hast du auch eine Fortbildung bekommen?
Wolfgang: Werkstätten sagen ja immer, es ist besser dort, man wird dort geschont, man bekommt Unterstützung, so etwas wie Reha-Leistungen oder auch therapeutische Angebote. Hat man dir sowas auch angeboten? Mir gar nicht, aber es gibt halt so Sachen wie, ich kann ja mal aus meiner Abteilung, ich habe Lampen gebaut, und da haben wir eine Lampenart gebaut, wenn ihr mal nach dem Bundestag geht und mal die Himmel oben guckt, mal gucken, ob ihr da Lampen findet, die sind so weiß und ziemlich groß, und die haben wir gebaut mit Kabelstränge und so, wir haben die komplett zusammengebaut und direkt dahin geliefert. Oder auch wenn ihr in Berlin seid und ihr mal mit so U-Bahn fährt auf dem Bahnsteig, guckt doch mal nach oben, die ganzen langen, schmalen Lampen, die haben wir angefertigt.
Jonas: Und ist da nichts gewesen, was dir Spaß gemacht hat?
Wolfgang: Nein.
Raúl: Es gibt ja Menschen, das ist ja auch in Ordnung, es gibt ja Leute, die sagen, ich möchte eine Arbeit machen, wo ich fließbandmäßig Dinge zusammenbaue, weil mir das Spaß macht, aber dir hat es keinen Spaß gemacht?
Wolfgang: Mir hat es keinen Spaß, es gibt Leute, wirklich bei uns, bei mir, meine Ex-Kollegen, die haben das Spaß gehabt, aber ich nicht.
Raúl: Hast du noch Kontakt zu den Ex-Kolleginnen?
Wolfgang: Nein.
Raúl: Warum nicht?
Wolfgang: Weil aus den Augen aus dem Sinn, wenn man so sagt, aber wir haben schon lange keinen Kontakt mehr, weil man darf ja nicht mehr so in den Werkstatt rein zum Besuch. Also man ist gleich da unten an der Pflanze abgeblockt und da konnte man gehen. Außer wenn da der Tag der offenen Türe wäre, dann könnte man rein, aber vorher gar nicht.
Karina: Wieso darf dich da denn niemanden besuchen, was ist denn, wenn ich zu dir kommen möchte und mit dir Mittag essen will? Bringe ich einen Schnitzel mit und ich kann es nicht mitbringen?
Wolfgang: Ja, lecker, aber nein.
Karina: Aber ihr durftet schon raus, ja?
Wolfgang: Nein.
Karina: Wie nein? Also ihr durftet auch nicht während der Pause irgendwie da raus?
Wolfgang: Nein, wir mussten oben in eine Kantine, unten, weil unten gibt es ja diese Raucherabteilung, die Raucherecke, da darfst du noch mal kurz frische Luft schnappen, aber aus diesem Grundstück raus gar nicht. Das ist komplett verboten.
Karina: Warum? Also was sagen die denn, warum darfst du da nicht raus? Das klingt ja wie ein Gefängnis.
Wolfgang: Kann man so sagen, kann man so sagen, weil auf der anderen Seite, ich habe nur verstanden, was sie gesagt haben wegen dieser Sicherheit. Man könnte ja auf der Straße und dort einen Unfall haben. Ach, und wenn ich das Feierabend habe und mit der U-Bahn nach Hause fahre? Das kann ja jemand bei Ford, der direkt dort arbeitet, auch haben.
Jonas: Ich wollte gerade fragen, weil du sagst, du durftest nicht raus und man darf auch nicht extern rein. Also zum einen schade für dich, Karina, dass du quasi nicht mal jetzt da dir das quasi angucken kannst.
Karina: Und ich kann keinen Schnitzel für Wolfgang mitbringen.
Jonas: Aber Wolfgang arbeitet ja auch nicht mehr in der Werkstatt.
Karina: Ja, bei euch darf ich ja rein, das stimmt.
Jonas: Richtig, bei uns bist du jederzeit auch hier im Büro willkommen. Aber du hast ja gesagt, du bist ja quasi nach der Arbeit nach Hause gefahren. Du hast ja nicht in der Werkstatt gewohnt.
Wolfgang: Nein.
Jonas: Und da gibt es ja auch keine, also Werkstätten haben ja keine Betten oder Wohnungen.
Wolfgang: Nein, das haben die nicht, nein.
Jonas: Aber noch mal zurück zu kommen kurz zu diesem Verbot.
Wolfgang: Ja, einfach so vorbeigehen ist verboten, aber du musst dich dann vorher anmelden, um mir den Schnitzel zu bringen. Ja, es ist schon eine sehr eingeschränkte Freiheit in dem Sinne. Ja, da habe ich auch so. Ich habe ja auch so Kollegen gehabt, die haben genau so gedacht wie ich. Also wir fühlen uns hier wirklich wie so ein Gefängnis, weil du darfst das nicht machen, du darfst nicht mal kurz mal dich bewegen, da wirst du sofort von Gruppenleitern niedergemacht.
Karina: Habt ihr euch da denn mal drüber beschwert bei irgendjemandem?
Wolfgang: Mir war das ja Wurscht, weil ich nur mein Ding gemacht habe und ich habe halt jemand gesehen, der ist da noch umgegangen zum Boss damals, wir hatten ja zwei in der Firma. Und ich fand sie waren sehr gut, fand ich wirklich. Wenn ein Mensch, der eine Behinderung hat, da irgendwie Probleme hat mit einem Gruppenleiter, und der ist da noch umgegangen, der ist runtergekommen, hat den Gruppenleiter erst mal zur Sau gemacht. Und er hat gesagt, so wirst du nicht mit meinen Leuten reden, kannst du schon mal deine Sachen packen.
Jonas: Also schon das Gefühl gehabt, da auch Leute zu haben, die auf deiner Seite stehen?
Wolfgang: Damals ja, aber wo die dann auf Rente gegangen sind, wie ganz normale Menschen auch, war dann auf einmal so, denen war das egal. Was der Gruppenleiter mit uns da so macht oder so, war denen eigentlich Wurscht. Hauptsache das Geld kommt rein.
Jonas: Aber wie hast du in der Zeit, als du in der Werkstatt gearbeitet hast, gelebt? Also hast du in der gleichen WG gelebt, in der du heute lebst? Oder war das noch, wie sah denn dein Weg zur Arbeit aus?
Wolfgang: Ich habe ja, wie gesagt, 1990 in der Werkstatt gearbeitet, 1991, auch im November, bin ich dann in die WG gekommen. Und diese WG bin ich jetzt noch. Ich bin ein Urgestein. Na so, ich glaube, das müsste 35 Jahre sein. Ja. Und noch ein Jahr von 1990 im November und ein Jahr bin ich dann in die WG gekommen, 1991 in die WG. Und wo lebe ich heute? Na krass, 35 Jahre an einem Ort.
Raúl: Aber die Mitbewohner haben gewechselt und du bist der letzte Mohikaner?
Wolfgang: Kann man so sagen. Ich habe da viele Bewohner gesehen und auch ganz viele Gruppenleiter, was soll ich sagen, Assistenten gesehen.
Jonas: Aber wenn du jetzt nochmal auf die, wie du gesagt hast, in der Werkstatt, das, was dir quasi nicht gut gefallen hat, und es gibt auch Sachen, die dir gut gefallen haben, gibt es noch weitere Erlebnisse, die du dort hattest, wo du sagst, das war gut und das war schlecht?
Wolfgang: Kann ich dir sagen, das ist so einfach, weil ich hatte einen Gruppenleiter, der war sehr gut, da kann ich wirklich nichts dagegen sagen, er hat dann gesehen, er braucht mehr Unterstützung, ich sage, ich fange gerade an, online lesen zu können und so, da sagt er, ja, kein Problem, setz dich da am PC, die anderen beiden machen nur das und du machst dann immer nur das. Wenn du kommst, machst du den PC an, oder der ist schon angewiesen, und dann machst du deine Übungen. Und er wurde dann krank, dann war der Vertretung da, aber der war nicht so gut. Der hat dann, was machst du denn da, sollst du nicht so machen wie die anderen? Ich sage, nee, der Gruppenleiter hat mir das hinzugewiesen und ich soll das machen, Punkt. Nee, glaube ich nicht. Und ich sage, ja, aber ich kann ja nicht lesen und schreiben und rechnen, ich lerne das ja. Nee, nee, nee, nee, das muss man doch in der Schule gelernt haben.
Raúl: Und das ist halt das Krasse, das heißt, der erste Gruppenleiter, der hat das verstanden, dass Werkstätten so eine Art Rehabilitation und Fortbildung ermöglichen sollen, und dann eignet es scheinbar von der Lust und Laune der Person ab, die die Gruppenleitung macht, dass dann der eine sagt, nee, du musst jetzt im Akkord arbeiten, oder wir haben Fließband, wie die Mitarbeiter bei Ford direkt, oder du kannst eine Fortbildung machen.
Jonas: Wie viel hast du, wir haben ja am Anfang schon so ein bisschen sehr scherzhaft mit einem Augenzwinkern über den Lohn, den Verdienst gesprochen. Was hast du in der Werkstatt verdient?
Wolfgang: Ich habe immer so 250 Euro verdient.
Jonas: Im Monat?
Wolfgang: Im Monat.
Jonas: Ich finde es aber wichtig. Das ist sehr, sehr wichtig. Genau, im Monat. Kann man davon die Miete bezahlen oder Essen?
Wolfgang: Essen, kannst du dir entscheiden. Essen, Miete, was bezahlst du zuerst? Wirst du lieber hungern oder wirst du erst die Miete bezahlen, was da erstmal keines ist? Das kannst du ja gar nicht bezahlen.
Jonas: Und von Urlaub erst gar nicht zu sprechen, ne?
Wolfgang: Urlaub, was ist das? Eine Reise, was ist denn das? So, dann gibt es da noch die nächste Möglichkeit, die Grundsicherung. Das wird dann von dem Lohn mit angerechnet. Das heißt, du kriegst dann weniger Grundsicherung, weil du ja diesen Grundgehalt bekommst, kriegst du weniger Lohn. So, und dann kommt dann in 20 Jahren die Rente dazu, diese EU-Rente. Das wird dann nochmal gekürzt, die Grundsicherung. Ja, und dann, ob ich dann die Miete zahlen kann und dann noch mein Essen und vielleicht noch diese WG-Sachen, was man da machen muss, das muss man auch erstmal stemmen. Und ich kann sagen, was ich immer dann habe, wenn ich noch in der Werkstatt gearbeitet habe, insgesamt waren es 1000 Euro.
Karina: Wie viele Stunden hast du da gearbeitet jeden Tag?
Wolfgang: Von 7.30 Uhr bis 15.00 Uhr.
Karina: Da kann man ja runterrechnen, wie wenig Geld das pro Stunde war. Für manche Leute ist 250 pro Tag ein niedriger Tagessatz. Und du kriegst das im Monat für Vollzeitarbeit. Das ist eigentlich unvorstellbar.
Raúl: Und nur für die Hörerinnen und Hörer, um das nochmal einzuordnen, weil oft werden da Dinge auch miteinander vermischt, wir sind nicht grundsätzlich dagegen, dass es Werkstätten überhaupt gibt, sondern es geht uns einfach darum, dass wir auch die Qualität, die dort angeboten wird, hinterfragen und prüfen müssen, wenn es scheinbar von einer Gruppenleitung abhängen kann, ob man Akkordarbeit macht, für die man dann auch mindestens Mindestlohn verdienen sollte, oder ob es eine Art von Rehabilitation und Weiterbildung ist, die dann aber eben keine Akkordarbeit ist. Und wenn das aber immer abgegolten wird mit diesem 1,35 Euro pro Stunde, dann ist das Ausbeutung. Und das ist der Punkt, den die Behindertenbewegung sehr kritisch sieht und betrachtet, weil die Gelder, die in diese Systeme fließen, vor allem in die Taschen von Nichtbehinderten fließen, also Gruppenleiter*innen, Vorständen, Geschäftsführungen, die meistens keine Behinderung haben, und diese Menschen entscheiden auch, welche Aufgaben es gibt und welche zu tun sind, die von den Menschen mit Behinderung auszuführen sind. Es ist relativ wenig Partizipationsmöglichkeiten gegeben, zu entscheiden, was produziert und wie produziert wird, und man wird dann quasi eher zugewiesen. Und dass die Gelder, die in diese Systeme fließen, man viel effizienter einsetzen könnte, wenn man zum Beispiel Menschen mit Behinderung befähigen würde, die Berufe, die sie ausführen wollen, auch ausführen zu lassen. Und es geht nicht darum, dass jemand wie Wolfgang Astronaut werden möchte, oder so. Selbst wenn er es wollen würde, könnte er es ja versuchen und dann wahrscheinlich auf dem Weg dahin merken, worin seine Stärken und Talente liegen. Aber es per se auszuschließen, weil er oder sie eine Behinderung hat, und sie deswegen zuzuweisen, das ist der Kritikpunkt, den wir haben.
Jonas: Es gab ja auch bei den Kolleg*innen vom ZDF, jetzt relativ aktuell sehr medienwirksam in der Sendung von Jan Böhmermann, dem ZDF-Magazin “Royal”, wurde das ja auch noch mal thematisiert. Und es gibt jetzt ja auch noch mal einen rechtlichen Hebel, wie man da gegen diese, wie du sagst, raue Ausbeutung und dem sehr niedrigen Gehalt vorgehen kann.
Raúl: Genau, die Redaktion Böhmermann ist unter anderem auf die Gesellschaft für Freiheitsrechte und uns zugekommen, weil sie festgestellt haben, dass eines ihrer Merchandising-Produkte ohne ihr Wissen in einer Werkstatt produziert wurde. Und dieses wollten sie tunlichst vermeiden, und dann gefragt, ob sie rückwirkend mindestens Mindestlohn an die Angestellten in dieser Werkstatt bezahlen können. Und dann hieß es, nein, das geht nicht. Und dann hat die Redaktion Böhmermann die Produktion eingestellt und gestoppt und gesagt, okay, wir müssen jetzt mal grundsätzlich die Frage stellen, wie wird eigentlich in Werkstätten mit Entlohnung umgegangen? Und haben dann jemanden gefunden, einen Menschen mit Behinderung, Jürgen Linnemann in dem Fall, der sich bereiterklärt hat, auch ähnlich lange in der Werkstatt gearbeitet hat wie Wolfgang, nämlich 40 Jahre, der sich dafür bereit erklärt hat, grundsätzlich mal eine Klage zu führen mit dem Ziel, vor das Bundesverfassungsgericht zu gehen, wie es eigentlich sein kann, dass Menschen mit Behinderung bei wohlgemerkt gleicher Arbeit, das, was ich vorhin gesagt habe, bei gleicher Arbeit die einzige Gruppe sind in der arbeitenden Bevölkerung, die weniger als den Mindestlohn verdienen dürfen. Selbst Praktikant*innen müssen inzwischen den Mindestlohn bezahlt bekommen.
Jonas: Und es war mal kurz Thema hier, Leute, die in Gefängnissen arbeiten. Genau. Das war ja auch das Thema, dass quasi Menschen, die im Gefängnis sind und dort ja eigentlich ja fast auch, da sind ja auch ähnliche Arbeitungen, also Verpackungsarbeiten, die irgendwie da gemacht werden, die auch quasi relativ wenig verdienen, die auch, wo es, glaube ich, zwei, drei Jahre her, wo da auch mal irgendwie ein großes Thema war, dass die dagegen vorgehen wollen, wo ich das immer so spannend fand, selbst Leute, die in einem Gefängnis sind, haben eine größere, also ohne jetzt gegeneinander auszuspielen, aber haben eine größere Lobby, dass sie quasi für Mindestlohn plädieren als Menschen, die in einer Werkstatt arbeiten. Genau.
Raúl: Und das ist tatsächlich eines der größten Probleme, dass Menschen mit Behinderung rechtlich aktuell als Arbeitnehmer ähnlich gesehen werden und nicht als Arbeitnehmer*innen. Weil der Mindestlohn gilt nur für Arbeitnehmer*innen, aber nicht für Arbeitnehmer*innen ähnliche. Und genau diesen Umstand versucht jetzt quasi die Gesellschaft für Freiheitsrechte gemeinsam mit der Redaktion Böhmermann, Jürgen Linnemann und uns mal grundsätzlich zu klären. Ist es in Ordnung, dass es den Status Arbeitnehmer*in ähnlich gibt, der die einzige Gruppe darstellt, die weniger als den Mindestlohn bezahlen lassen? Und wenn die Arbeit doch dieselbe ist, die sonst auch in einer Werkstatt für nichtbehinderte Menschen, also physischen Werkstatt, produziert worden wäre, würde man da wahrscheinlich auch Fabrik nennen. Und das einfach mal zu klären, weil das auf EU-Ebene beispielsweise wesentlich eindeutiger problematisch zu sein scheint in der Rechtslage als auf der Bundesebene. Und dafür haben wir ja das tolle Rechtssystem, dass man jetzt mal Dinge grundsätzlich klären kann. Und das ist ein super komplexes Thema. Wir gehen von einem jahrelangen Rechtsverfahren aus, das ich die Hörer*innen motivieren würde, sobald sie sich jetzt an einer bestimmten Stelle unwohl fühlen, im Sinne von “da hab ich aber eine andere Meinung zu” oder so. Wir haben das lange überlegt.
Wir haben das mit vielen Expert*innen im Vorfeld durchdiskutiert. Menschen mit Behinderung, Rechtsexpert*innen, Aktivist*innen von außen, Politiker*innen usw. usf. Und egal wie wir es drehen und wenden, wir müssen das mal geklärt haben. Und wen es mehr interessiert, dem empfehlen wir extra eine Seite, die wir dafür gebaut haben, sozialhelden.de/mindestlohn oder eben die Expertise unserer Kolleginnen von JobInklusive.
Jonas: Genau. Verlinken wir euch beides auch nochmal in unseren Shownotes auf dieneuenorm.de. Ein aktuelles und auch sehr wichtiges Thema. Ich finde diesen Klageweg deshalb eben auch nochmal so als, ja man kann schon fast sagen Meilenstein, weil wir haben schon so häufig in unseren Podcasts darüber gesprochen, kann man Deutschland verklagen für die Nicht-Einhaltung der UN-Behindertenrechtskonvention? Wie kann man die Privatwirtschaft verklagen, dass sie nicht für Barrierefreiheit sorgt? Und ich finde dieses Werkstätten-Thema ist ein ähnliches Thema, wo bislang so dieser Hebel irgendwie fehlte, wo man sagt, man muss eigentlich, man sollte eigentlich, aber man kann doch nicht, man kann doch, das Thema ist so groß, man kann doch jetzt nicht, also man kann doch jetzt nicht Deutschland verklagen. Und das finde ich spannend, dass das in dem Sinne mal angegangen wird und versucht wird, weil häufig man ja manchmal Missstände erlebt, wo aber dann der “Gegner” so riesig und überdimensioniert ist, wo man sagt, ich als Einzelperson, da kann ich ja irgendwie wenig verändern. Und deshalb eine spannende Sache, wo man auf jeden Fall dranbleiben sollte. Ich finde bei dieser Tatsache, dass Werkstätten ja auf der einen Seite, wenn man sie positiv sieht, ja so auch als dieser Schonraum gesehen wird, wo es so um die eigenen Bedürfnisse und Bedarfe geht. Karina, du hast ja häufig erzählt, mit deiner chronischen Erkrankung, dass es manchmal gute Tage gibt, manchmal gibt es auch schlechte Tage. Wäre so ein Arbeitsumfeld, Werkstatt, gut, man könnte dich jetzt vielleicht nicht besuchen mit dem Schnitzel oder so, aber wäre es irgendwie ein Umfeld, wo du sagen würdest, das wäre was, wo du dir vorstellen könntest, zu arbeiten und sehr in Watte gepackt zu sein? Ist ja nicht schlecht.
Karina: Ganz lustig, ich habe gerade überlegt, ob ich mit diesen 230 Euro, die du in der Werkstatt monatlich kriegst, überhaupt meine Medikamente bezahlen könnte. Ich habe tatsächlich mehrere Off-Label, das heißt, ich nehme mehrere Medikamente, die für andere Dinge zugelassen sind, aber nicht für meine Grunderkrankung und deswegen musst du die quasi privat zahlen und du kannst das auch nicht wieder kriegen, das Geld. Und die sind sehr, sehr teuer. Also die kosten mich schon mehr als das. Also ich hätte ein Problem, wenn ich mit diesem Geld leben müsste, weil ich schlichtweg meine Gesundheitsversorgung nicht mehr finanzieren könnte.
Raúl: Aber das ist ja quasi in dem Moment ist es ja sogar noch lebenswichtig. Gerade als du den Satz angefangen hast, so das Gefühl, so, ja, 230 Euro, das gebe ich an einem Partywochenende aus. Ja, klar.
Karina: Für Duplos, ganz viele Duplos für Raúl. Jeden Tag ein Duplo.
Raúl: Ich gebe dir auch eins ab.
Karina: Das ist nett. Ich mag die eigentlich auch sehr gern, aber seit du da bist, kriege ich immer keins mehr ab.
Raúl: Es gibt natürlich auch noch viele andere Schokoriegel, wie zum Beispiel…
Karina: Ach so, ja, ich wollte jetzt hier keine Schleichwerbung für machen. Also ich mag ja lieber Kinderriegel. Kinderschokolade…
Raúl: …auch Ferrero. Oder zum Beispiel Roche. Oder… Ja, genau. Ballisto. Nehmen wir noch Ballisto.
Karina: Jedenfalls nochmal zurück zu Werkstätten. Also am Ende vom Tag macht das ja keinen großen Unterschied, wo ich arbeiten würde, wenn ich generell einfach nicht mehr als ein paar Stunden am Tag arbeiten kann. Also dann kann ich das weder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt noch in der Werkstatt tun, weil Arbeit Arbeit ist.
Raúl: Genau, aber die Zugangsberechtigung zu einer Werkstatt ist mindestens vier Stunden am Tag arbeiten können.
Karina: Ja, gut, dann bin ich raus. Dann darf ich gar nicht.
Raúl: Aber das Klischee da draußen ist ja, dass in den Werkstätten für behinderte Menschen wenig gearbeitet wird.
Karina: Ja, und das ist das, was ich nicht nachvollziehen kann. Also, ja, da chmücken sich Unternehmen ja auch damit, wie Wolfgang vorhin auch gesagt hat, die machen da Autoteile für irgendwelche großen Autohersteller, und die schmücken sich damit, dass sie potenziell was Gutes getan haben, indem sie Menschen in Werkstätten beschäftigen. Und das ist auch das, was nach außen reflektiert wird. Ich habe letztens aus Versehen tatsächlich ein Produkt bestellt, was sich herausgestellt hat, dass es aus einer Werkstatt war. Da war so ein Aufkleber drauf, und da stand irgendwie drauf “Mit ganz viel Liebe von Menschen mit Handicap gemacht” oder so. Ich dachte mir, fuck, jetzt habe ich das auch noch unterstützt. Aber es ist teilweise auch echt so undurchsichtig auf Webseiten von Leuten. Ich habe auch zehn Minuten suchen müssen, bis ich herausgefunden habe, wo das genau produziert worden ist. Witzigerweise war das ein Geschenk für Raúl. Das habe ich dir natürlich nie geschenkt. Das war mir dann doch zu peinlich. Wir haben aber auch schon auf Veranstaltungen teilweise für Lesungen Geschenke gekriegt, wo sich später herausgestellt hat, dass das eine Box, die zusammengestellt worden ist in der Werkstatt.
Raúl: Aber ich frage mich schon so ein bisschen, Stichwort ökologischer Fußabdruck und so weiter. Es ist wirklich die Verantwortung des Konsumenten, der Konsumentin, immer genau zu recherchieren und recherchieren zu können, die Kapazitäten zu haben. Ich weiß doch auch nicht, wie meine Butterpackung verpackt wurde. Dass ich denke, dass der Gesetzgeber da eigentlich ran müsste. Wir können das gemeinlich verhindern, dass bestimmte Produkte, die wir besitzen, zufällig in einer Werkstatt produziert wurden. Ich entscheide ja nicht den Autokauf, wie Wolfgang gesagt hat, ob es in einer Werkstatt produziert wurde oder nicht. Wohlgemerkt, dass jeder Autohersteller in Deutschland Produkte aus einer Werkstatt hat, oder Wolfgang?
Wolfgang: Ja, kann man so sagen.
Raúl: Das heißt, die Wahl, die ich als Konsument hätte, wäre gar kein Auto? Genau. Was ja auch von Ford nur gibt. Aber es gibt noch eine andere.
Wolfgang: Wenn ihr bei McDonalds seid und mal Ketchup haben wollt, denkt an mich. Die haben wir zusammengepackt.
Karina: Jetzt nehmt mir nicht auch noch meinen McDonalds. Jetzt darf ich ja gar nirgends mehr hin. Was darf ich denn jetzt überhaupt noch?
Jonas: Aber diesen Punkt, den du angesprochen hast, Raúl, der Bürger ist doch mündig. Man muss quasi das selber, man kann an der Kasse entscheiden, ob man das will.
Raúl: Das ist halt auch, finde ich, zu einfach. Ich kann es auch nur entscheiden, wenn ich es weiß. Deshalb dieses Sticker da drauf, mit viel Liebe.
Karina: Aber das funktioniert ja auch nur so lange die Leute, die das verkaufen, der Überzeugung sind, dass sie was Gutes damit tun. Wenn wir an dem Punkt ankommen, dass Leute das nur noch machen, weil es billige Produktion ist, die sie in Anspruch nehmen können, und da sind keine Sticker mehr drauf, dann weiß ich es ja gar nicht mehr.
Jonas: Wolfgang, wir reden in unserem Podcast ja auch häufig über Barrierefreiheit. Bist du auf Barrieren gestoßen in deiner Werkstatt? Wir haben ja eben gesagt, das ist so eine Schonraumfalle, so in Watte gepackt. Es gibt ja auch so ein Thema, dass es dort Menschen, die eine Behinderung haben, gut geht. Bist du auf Barrieren gestoßen?
Wolfgang: Ja, ich wollte eigentlich, das war schon ziemlich ein paar Jahre her, auch auf dem ersten Arbeitsmarkt vorher arbeiten. Da gab es eine Firma oder so ein Geschäft, wo die Menschen mit Behinderung eingestellt haben. Und da wollte ich hin. Aber da hat dann auf einmal der Sozialdienst gesagt, ja, ich gucke mal. Und seitdem kam gar nichts mehr. Und dann bin ich nochmal hin und hab gefragt, ja, was ist denn? Bleib mal lieber in der Werkstatt, hier bist du besser aufgehoben.
Jonas: Was ist denn der Sozialdienst? Ist der Sozialdienst von der Werkstatt oder ist der von …
Wolfgang: Von der Werkstatt.
Raúl: Das heißt, oh mein Gott, das war noch nicht mal eine unabhängige Beratung.
Wolfgang: Nein. Weil ich wollte ja ein Pflegepraktikum machen, dann brauche ich ja das für die Werkstatt. Aber nein. Da wurde ich dann halt blockiert.
Jonas: Und wie hast du es dann im Endeffekt geschafft? Also wie bist du, du hast ja gesagt, das war so während der Corona-Zeit. Aber wie bist du rausgekommen? Du bist ja nicht einfach, wir sind ja einfach weggelaufen.
Wolfgang: Doch. Nein. Nein, nein. Ich bin nicht weggelaufen. Ich habe einfach gekündigt. Ich habe einfach eine Kündigung gehabt, die Gruppenleiter und auch den Sozialdienst von der Werkstatt, gefragt, wie lange ist denn die Kündigungsfrist? Ja, so einen Monat, dann kannst du kündigen. Okay, ich werde kündigen. Da sagte der Gruppenleiter zu mir, wissen das deine Betreuer das? Haben die das erlaubt? Und da habe ich einfach gesagt, Moment, da wusste ich gar nicht mehr weiter. Ich habe einfach gesagt, ja, was gar nicht stimmte. Weil die Assistenten, die wussten davon gar nichts. Erst, wo ich es dann danach erzählt habe, wo ich die Kündigung weggeschickt habe. Ich bin dann nach Hause gekommen, habe dann die Kündigung geschrieben und dann habe ich die weggeschickt. Und dann bin ich im Februar, war ich dann zu Hause. Drei Jahre lang.
Jonas: Okay. Und ich gehe mal davon aus, dass Menschen, die in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten, dort selten Leute von sich aus kündigen.
Wolfgang: Ja, sehr selten.
Jonas: Wie war die Reaktion von denen?
Wolfgang: Na ja, der Gruppenleiter wollte, dass ich da bleibe, aber nicht da, wo ich gearbeitet habe. Ich habe ja über sechs Jahre auch in einer Bibliothek gearbeitet, in einer Bücherei. Und dann gehe ich doch wieder zurück in die Abteilung, bei einer Sondergruppe. Ich überlege, was soll ich denn da? Und dann hat er gesagt, nein, nein, nicht das, was du wieder denkst, sondern du sollst den Gruppenleiter unterstützen. Okay. Und dann habe ich mir nur gesagt, kriegt er auch mehr Geld? Und er sagt, ja. Nö.
Jonas: Es erinnert mich so ein bisschen an so eine Rückgewinnungs-Hotline, wenn du irgendwie deinen Telefonanbieter kündigst und die dann quasi zwei Stunden später, wie es dann angerufen, möchten Sie nicht doch bleiben, sie kriegen auch hier das Angebot noch und dieses und jenes noch irgendwie dazu. Das hat mich so ein bisschen daran erinnert.
Raúl: Mich auch.
Wolfgang: Ich habe dann auch so ein Gefühl gehabt, sie wollten mich unbedingt da bleiben, weil …
Jonas: Beste Mitarbeiter.
Wolfgang: Nee, also nicht beste Mitarbeiter, bester Geldgeber vom Amt halt. Wenn ich weg bin, kriegen die ja weniger Geld.
Jonas: Okay, dann warst du also drei Jahre zu Hause. Wer hat dir dann quasi in der Zeit zur Seite gestanden?
Wolfgang: Also meine WG, hier die Assistenten, weil ich habe denen ja vorher Bescheid gesagt, danach Bescheid gegeben, wenn jetzt der Gruppenleiter oder die Werkstatt hier in dem Büro anruft, dass sie ja schon mal wissen, dass ich gekündigt habe. Und die fanden das gut, die haben sogar sich gefreut, die haben gesagt, endlich bist du da raus. Ja, und dann war ich halt drei Jahre zu Hause. Aber in diesen drei Jahren bin ich ja nicht faul rumgesessen. Ich habe dann zu gesagt, ich möchte gerne weiter arbeiten, aber nie wieder in der Werkstatt.
Jonas: Und was hast du dann gemacht?
Wolfgang: Ich habe dann einen Bewerbungsschreiben mit meinen Assistenten vorbereitet und haben einfach mal an die Krankenhäuser geschickt, einfach mal zum ausprobieren. Ich weiß, dass es nicht geht, aber ich wollte mal probieren. Ich hatte zwei keine Mitteilung bekommen vom Krankenhaus, gar nichts, und zwei haben sich sogar entschuldigt bei mir, dass sie mich leider nicht so aufnehmen können, wie sie das gerne hätten, weil ich habe ja keinen Schulabschluss, sondern nur einen Sonderabschluss und damit kann ich nichts machen. Aber ich fand es gut, dass sie sich das zurückgeschrieben haben. Aber ich habe mir dann immer gesagt, ich werde da bei diesem Rückschlag mich nicht irgendwo in eine Kämmerlein stecken und sagen, alle Welt sind böse. Nein, ich habe weitergearbeitet, ich habe weitergeguckt. Und dann hat dann der Assistent, der war in Urlaub, der hat dann an die WG gegeben, und hat gesagt, guck mal, da hat die Sozialhelden ein Stellenangebot, vielleicht wäre was für den. Ja, und dann bin ich zu den Sozialhelden gekommen. 2024, am 1. Dezember, habe ich dann angefangen.
Jonas: Und was sind deine Tätigkeiten, die du jetzt hier bei uns machst?
Wolfgang: Ich berate uns hier, wie die Werkstatt so funktioniert, wie die ticken und wie die für die ganzen Workshop machen. Dass ich dann sage, wir brauchen auch mal eine Pause, um die Leute wieder runter zu bekommen, weil das ist dann zu viel. Oder ich sage dann, wir brauchen eine leichte Sprache, dass sie das auch richtig verstehen können und so Sachen. Und ich arbeite auch dabei, und ich mache dann halt so Workshop-Vorschläge, wie das dann aussehen könnte, ob man das benutzt, das ist halt freiwillig. Aber ich mache das halt. Und seitdem ich hier angefangen habe, habe ich mir auch selber gemerkt, ich habe hier mehr was gelernt als in der Werkstatt. Weil ich brauchte, wie sagt man so, immer eine andere Aufgabe. Das hatte ich in der Werkstatt nie gehabt. Nur Schrauben eintüten, 1, 2, 3, 10, das kann auch eine Maschine machen, da brauchte ich das ja nicht machen. Aber hier habe ich dann selber eine Aufgabe, oder ich bringe halt mal die Post weg, weil das macht mir einfach Spaß.
Jonas: Heißt also, du würdest unter dem Strich quasi sagen, dass es auf jeden Fall die richtige Entscheidung für dich war?
Wolfgang: Das war wirklich die richtige Entscheidung, und ich habe das nicht bereut.
Jonas: Gibt es etwas, was du, also du hast ja Workshops und Weiterbildung und Beratung angesprochen, gibt es etwas, was du unseren Hörer*innen mitgeben möchtest, die vielleicht entweder Leute kennen, die in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten, oder vielleicht selber dort arbeiten. Möchtest du denen quasi etwas mitgeben?
Wolfgang: Ich habe ja letztes Jahr angefangen, ein Buch zu schreiben, und das ist jetzt gerade in den letzten Schub, und das kommt bald auch raus, aber ich weiß noch nicht wann. Es sollte um das Thema sein, wie komme ich aus der Werkstatt raus, wo kann ich da Hilfe herkriegen, was muss ich machen, soll ich das dann sofort kündigen oder soll ich erst drin bleiben? Und in diesem Buch ist es dann so, dass ich dann darüber erzähle, auch meine Lebensgeschichte und so, und dann kommt es dann bald auch raus. Und dieses Buch zu schreiben mit meinen Assistent*innen, ich habe ja alles schon mal vorbereitet, und die brauchte es nur zu hinordnen, aber das war richtig anstrengend.
Jonas: Ich merke gerade, dass jetzt hier in unserer Viererrunde die einzige Person, die noch kein Buch geschrieben hat. Raúl, du hast ja schon zig Bücher geschrieben, Karina du auch, Wolfgang eins, aber das setzt mich jetzt ein bisschen unter Druck.
Raúl: Jetzt bist du dran.
Jonas: Mir wird auf jeden Fall was einfallen. Wir werden es auf jeden Fall, Wolfgang, dein Buch auch noch mal verlinken, sobald es dann klar ist, wann es erscheint, in unseren Shownotes auf dieneuenorm.de. Und wir können auch jetzt schon, wie gesagt, darauf hinweisen auf unsere nächste Episode, wo es nochmal um Werkstätten für behinderte Menschen geht. Und wir uns nochmal sehr die Struktur und das System angucken und auch dort nochmal mit Personen sprechen. Wolfgang, vielen Dank, dass du da warst.
Wolfgang: Nichts zu Danken.
Jonas: Und uns über deinen Weg in die Werkstatt und auch raus aus der Werkstatt uns darüber berichtet hast. Wir hoffen, dass wir euch etwas mitgeben konnten und freuen uns, wenn ihr dann auch beim nächsten Mal wieder einschaltet. Tschüss!
Karina und Raúl: Tschüss.