Seinen Auftritt im ZDF Magazin Royale sehen über 3 Millionen Menschen: Jürgen Linnemann klagt als Beschäftigter in einer Werkstatt für behinderte Menschen für den Mindestlohn. Im Interview mit Redakteurin Carolin Schmidt spricht er über seinen Lebensweg, seine politische Arbeit als langjähriger Vorsitzender im Werkstattrat und über seine Motivation, mit dieser Klage Geschichte zu schreiben.
Informationen in Einfacher Sprache
Jürgen Linnemann arbeitet seit fast 40 Jahren in einer Werkstatt für behinderte Menschen.
Er verdient dort weniger als 2 Euro für eine Stunde Arbeit.
Darum klagt er jetzt für den gesetzlichen Mindestlohn.
Früher ging Jürgen Linnemann auf eine Sonderschule.
Danach sagte ein Berater: Für ihn kommt nur eine Werkstatt in Frage.
Heute sagt er: Menschen mit Behinderung sollen die gleichen Rechte haben wie Menschen ohne Behinderungen.
Sie sollen fair bezahlt werden.
Und sie sollen mitentscheiden dürfen.
Jürgen Linnemann war 30 Jahre im Werkstattrat aktiv.
Er setzte sich für die Interessen der Beschäftigten ein.
Am 8. Mai 2026 war er im ZDF Magazin Royale bei Jan Böhmermann zu Gast.
Viele Menschen haben die Sendung gesehen.
Seitdem sprechen viele über das Thema Mindestlohn in Werkstätten.
Jürgen Linnemann hofft auf ein gutes Urteil vor Gericht.
Er sagt: „Ich bin ein Visionär.“
Er möchte etwas verändern für Menschen mit Behinderungen.
Mehr Informationen über das Thema gerechte Bezahlung in Werkstätten gibt es hier.
Seit seinem Auftritt im ZDF Magazin Royale am 8. Mai 2026 steht Jürgen Linnemann im Zentrum einer bundesweiten Debatte: Warum erhalten Beschäftigte in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen bis heute keinen gesetzlichen Mindestlohn, sondern lediglich etwa 230 Euro im Monat? Mit seiner Klage gegen dieses System fordert Linnemann nicht weniger als gleiche Rechte und faire Bezahlung. Begleitet wird der Fall von der Gesellschaft für Freiheitsrechte. Gleichzeitig sorgt eine große Kampagne von Sozialhelden e.V. dafür, dass das Thema weit über Fachkreise hinaus Aufmerksamkeit bekommt. Die Resonanz ist gerade in den sozialen Netzwerken enorm und der Druck auf Politik und Träger wächst.
Carolin Schmidt: Wie verlief Ihr Weg in die Werkstatt für behinderte Menschen?
Jürgen Linnemann: Ich habe am 1. September 1987 mit 18 Jahren angefangen, in einer Werkstatt für behinderte Menschen zu arbeiten. Davor war ich in der Sonderschule. Inzwischen habe ich fast 40 Jahre in verschiedenen Werkstätten gearbeitet.
Wurden Ihnen verschiedene Berufswege aufgezeigt?
Ein Jahr vor der Entlassung kam ein Berufsberater in unsere Schule. Er hat gesagt: Für dich kommt nur eine Werkstatt in Frage. Heute schaut man auf die Menschen mit Behinderungen. Das Wort Inklusion hat 1987 noch keiner ausgesprochen. Den meisten Menschen mit Behinderungen wurde eine Werkstatt empfohlen. Nur wenige konnten eine Ausbildung machen. Das blieb mir aufgrund meiner Lernbehinderung verwehrt.
Ich konnte keine Träume entwickeln. Der Weg war vorgegeben.
Hätten Sie damals gerne beruflich etwas anderes gemacht oder war es gar nicht möglich, sich etwas anderes vorzustellen?
Ich konnte keine Träume entwickeln. Der Weg war vorgegeben. Was ich gerne ausprobiert hätte, wäre in einer EUTB, also in der Teilhabe-Beratungsstelle. Ich habe es mehrmals versucht, es hat aber leider nie geklappt. In der jetzigen Situation mit 57 Jahren, kann ich nicht mehr wechseln. Aber wenn ich noch 45 Jahre alt wäre, wäre das schön gewesen. Ich kann gut beraten.
Hatten Sie außerhalb der Schule Kontakt zu Kindern ohne Behinderung?
Nein, leider nicht. Seit meiner Kindheit war ich in einem Parallelsystem. Mit 3 Jahren bin ich in einen Kindergarten für Kinder mit Behinderung gekommen. Der Anfang war nicht schön. Morgens um halb 7 Uhr wurde ich abgeholt und erst halb 5 Uhr abends wieder zuhause abgesetzt.

Jürgen Linnemann
Jürgen Linnemann, geboren 1969, besuchte zunächst eine Sonderschule in Bielefeld und begann 1987 seine Arbeit in einer Werkstatt. Von 2000 bis 2008 war er Gründungsmitglied der ersten Landesarbeitsgemeinschaft mit Vereinsstatus. Ab 2010 war er Gründungsmitglied der neu formierten Landesarbeitsgemeinschaft und blieb bis 2022 im Sprecherrat. Bis 2022 war er zudem 30 Jahre Vorsitzender des Gesamtwerkstattrates. 2022 erhielt er die Bundesverdienstmedaille, seit 2014 ist er Inklusionsbotschafter. Er trägt die Goldene Ehrennadel des Schützenvereins Greffen. Seit 2017 ist er SPD-Mitglied und hat vielfältige Fördermitgliedschaften.
Wie sieht ein typischer Werkstatt-Tag und Ihre Arbeit für Sie aus?
Ich stehe um 6 Uhr auf, 10 vor 7 Uhr werde ich vom Fahrdienst abgeholt. Ich mache immer dieselben Arbeiten. Papiere vorbereiten für den Scanner. Die Klammern entnehmen, die Papiere in unterschiedliche Ablagen einsortieren. Das sind Lieferscheine, interne Papiere, Rechnungen und so weiter. Ich muss die Blätter mit einem Trennzettel versehen.
Ich habe mich viel um die Mitbestimmung der Werkstattbeschäftigten gekümmert. Das war eine meiner größten Aufgaben.
Mögen Sie Ihre Arbeit?
Ich arbeite sehr gerne mit Papier. Das hat auch eine Vorgeschichte. Ich war 30 Jahre im Werkstattrat. Und 30 Jahre war ich Vorsitzender. Die Arbeit hatte auch viel mit Papier zu tun.
Was hat Sie während dieser Arbeit als Werkstattratsvorsitzender bewegt?
Ich habe mich viel um die Mitbestimmung der Werkstattbeschäftigten gekümmert. Das war eine meiner größten Aufgaben. Und dass die Werkstätten-Mitwirkungsverordnung (WMVO) weiterentwickelt wird. Da steht alles drin, bei dem der Werkstattrat die Möglichkeit hat, mitzuentscheiden. So sollen die Interessen der Beschäftigten gegenüber der Werkstattleitung vertreten werden.
Ist die WMVO für alle Werkstätten für behinderte Menschen in Deutschland einheitlich?
Leider nein. Es gibt die staatliche WMVO, es gibt auch eine kirchliche WMVO, eine von der Caritas. Es gibt zu viele Verordnungen. Eine Verordnung für alle wäre aus meiner Sicht besser. Meine Hoffnung ist, dass sich das mit der Klage erledigt. Wenn der Mindestlohn kommt, müssen sie sich etwas überlegen, auch was diese Verordnung betrifft.
Jede Person soll nach ihren Stärken beurteilt werden, nicht nach ihrer Behinderung.
Sie haben am 8. Mai eine Klage eingereicht für den Mindestlohn für Ihre Arbeit als Werkstatt-Beschäftigter. Was wäre der beste Ausgang dieser Klage?
Zum einen möchte ich natürlich die Klage mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte und den Sozialheld*innen gewinnen. Es muss aber auch ein Umdenken stattfinden. Innerhalb der Werkstatt, aber auch in der Politik. Ich wünsche mir, dass die Werkstatträte, die eine wichtige Arbeit machen, eine Lobby bekommen wie die Gewerkschaften. Ich wünsche mir, dass die Werkstatträte mit den Politiker*innen an einem Tisch sitzen und mitentscheiden. Die Politik hat durch scheibchenweise kleiner Zugeständnisse versucht, die Werkstatträte kleinzuhalten. Das geht jetzt nicht mehr. Jetzt nimmt eine Diskussion Fahrt auf, die man nicht mehr stoppen kann. Ich bin ein Visionär. Ich möchte, dass Menschen mit Behinderung Tarifverträge bekommen. Jede Person soll nach ihren Stärken beurteilt werden, nicht nach ihrer Behinderung.
Sie waren live zu Gast in der letzten ZDF Magazin Royale Sendung mit Jan Böhmermann. Etwa 3 Millionen Menschen haben die Show gesehen. Sind Sie zufrieden, wie alles gelaufen ist?
Ich bin total zufrieden. Ich war zum ersten Mal im Fernsehen und dafür lief es richtig gut. Für mich war das auch ein Highlight, dass mich das Team dort so nett war, dass die Leute von den Sozialheld*innen und von der Gesellschaft für Freiheitsrechte mich begleitet haben und meine Assistenz kennengelernt haben. Da habe ich gemerkt, wie viele Leute hinter mir stehen und das hat sich gut angefühlt. Da kann mir nichts passieren, habe ich gedacht.
Wir sollten die gleichen Rechte haben wie Arbeitnehmer*innen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
Wie hat Ihr Umfeld auf die Klage reagiert?
Mein direktes Umfeld hat sehr positiv auf die Klage reagiert. Die haben natürlich mitbekommen, was bei mir in den letzten Wochen los war. Die vielen Videokonferenzen, Termine, Nachrichten. Ich bin froh, dass ich mir viel von meinem Vater abschauen konnte. Er war Gewerkschafter und konnte mir erzählen, worauf ich achten muss. Viele sind sehr stolz auf mich.
Und wie war es mit Ihren Kolleg*innen in der Werkstatt?
Die waren begeistert. Die wissen, dass ich das kann.
Wie sieht eine gute und gerechte Arbeitswelt für Sie aus?
Es muss eine Struktur her, die für jede Werkstatt zählt. Die Arbeits- und Lohnordnung sollte sich daran orientieren, was der behinderte Mensch für Stärken hat. Es muss klar sein, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Menschen mit Behinderung wurden alle 2 Jahre bewertet. Wenn die Person aus gesundheitlichen Gründen weniger leisten kann, wird ihr Entgelt abgezogen. Das kann nicht sein. Wir sollten die gleichen Rechte haben wie Arbeitnehmer*innen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Menschen mit Behinderung müssen mehr beachtet werden. Die UN-BRK muss endlich gelten. Die Klage für den Mindestlohn ist das letzte große Verfahren, das ich führen werde. Ich möchte da gestärkt herausgehen. Ein positives Gerichtsurteil würde mir eine Zufriedenheit geben. Ich weiß, dass ich das nicht erwarten kann. Aber ich hoffe darauf. Dann könnte ich sagen: Ich habe einiges erreicht für die Menschen mit Behinderungen.
#MindestlohnFürAlle
Zur Unterstützung dieser Forderungen initiiert der Verein Sozialhelden e.V. eine umfassende Kampagne. Diese umfasst unter anderem:
- Aufklärungsarbeit zur Arbeitsrealität in Werkstätten
- Politisches Positionspapier mit konkreten Reformvorschlägen
- Handbuchs für Arbeitgeber*innen zur inklusiven Beschäftigung (Leseprobe erhältlich)
- Social Media Kampagne zum Thema inklusive Arbeit und WfbM
Auf dieser Webseite sowie auf unseren Social Media Kanälen können Sie sich weiter informieren.
Die strategische Verfassungsbeschwerden werden von der Gesellschaft für Freiheitsrechte vertreten. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.