Mut beginnt da, wo Widerspruch im eigenen Umfeld unbequem wird

Demo vor dem Brandenburger Tor, Plakat 1: Die Scham muss endlich die Seite wechseln, Plakat 2: This is Abuse not tech, Plakat 3: WTF Christian!?!
Am 22. März 2026 kamen 15 000 Menschen zum Brandenburger Tor, um gegen (digitale) Gewalt an Frauen zu demonstrieren. Foto: Santiago Rodriguez.
Lesezeit ca. 5 Minuten

Nach den bekannt gewordenen Fällen von digitaler Gewalt gegen Collien Fernandes sind gerade viele Stimmen zu hören, die sich klar gegen Gewalt an FLINTA*-Personen positionieren. Gerade cis Männer sollen sich zu Wort melden. Zu Recht. Doch was bedeutet es, wenn sie sprechen? Wann ist es Solidarität und wann bloße Selbstinszenierung?Raúl Krauthausen reflektiert über Scham, Verdrängung und die unbequeme Frage: Welchen Anteil habe ich an an diesen misogynen Strukturen und was folgt daraus für mein Handeln?

Informationen in Einfacher Sprache

Viele sagen: Männer sollen etwas gegen Gewalt sagen.
Das ist richtig.

Collien Fernandes hat Gewalt im Internet öffentlich gemacht.
Sie spricht auch für viele andere Betroffene.

Der Autor denkt über sich selbst nach.
Er schämt sich, weil er Dinge übersehen hat.
Er hat schwierige Situationen manchmal verharmlost.

Er sagt: Ich bin kein Opfer.

Männer müssen Verantwortung übernehmen.
Männer müssen andere Männer kritisieren.
Männer dürfen nicht schweigen.

Gewalt im Internet ist echte Gewalt.
Sie macht Menschen Angst und bringt sie zum Schweigen.

Schock reicht nicht.
Wir brauchen Taten.

 

Männer sollen handeln

Es gibt gerade viele Aufrufe an uns (cis) Männer, sich zum Thema „Gewalt an FLINTA*-Personen“ zu positionieren. Zu Recht. Ich habe lange darüber nachgedacht, was mein Anteil daran ist. Es soll nicht wieder nur um einen Mann gehen, in diesem Fall um mich, oder sich wie bloße Selbstinszenierung anfühlen. Denn auch das ist Teil des Problems: dass Männer oft erst dann sprechen, wenn sie dabei noch halbwegs gut aussehen.

Solidarität ist keine Leistung, sie sollte selbstverständlich sein.  

Weckruf von Collien Fernandes

Collien Fernandes ist vor einigen Tagen mit Vorwürfen digitaler Gewalt durch ihren Ex-Mann Christian Ulmen an die Öffentlichkeit gegangen, auch stellvertretend für all die unbekannten Opfer von Gewalt.

Auch ich hatte berufliche Berührungspunkte mit Ulmen. Wir arbeiteten ein paar Tage an einer Radio Show und zwei TV-Sendungen zusammen.

Und ja: Es beschämt mich zutiefst, wie sehr ich mich täuschen konnte. Seit Bekanntwerden des Missbrauchs frage ich mich, ob es Signale gab, die ich hätte sehen müssen. Ja, der Humor seiner Formate war grenzüberschreitend. Nicht immer, aber oft genug. Wie konnte ich das hinnehmen? Und wie stelle ich sicher, dass ich mich in einer ähnlichen Situation nicht wieder so entscheide?

Alle gemeinsam produzierten Inhalte, auf die ich Einfluss habe, habe ich offline genommen. Ich möchte Menschen, die sich nicht mit ihrem internalisiertem Sexismus auseinandersetzen, sondern ihn verharmlosen, decken oder selbst betreiben, keine Plattform bieten.

Aber das reicht nicht. Es wäre zu bequem, darin schon eine Konsequenz zu sehen.

Was heißt Verantwortung übernehmen?

Ich bin kein Opfer.

Im Gegenteil: Ich habe sicher auch schon mal Schilderungen von FLINTA*-Personen relativiert oder abgelenkt mit Sätzen wie: „So war das bestimmt nicht gemeint“, „Das ist Kunst”, „Warum hat sie nichts gesagt?“ oder „Das arme gemeinsame Kind“. Und dafür schäme ich mich. Denn die Scham muss wirklich die Seite wechseln.

Ich lerne dauernd dazu, weil ich mit feministischen FLINTA*-Personen zusammenarbeite. Wir dürfen die Aufklärung und Sensibilisierung nicht nur den Betroffenen überlassen. Auch die Verantwortung muss die Seiten wechseln (Quelle). Es kann nicht sein, dass diejenigen, die verletzt werden, auch noch die Hauptarbeit leisten müssen, damit wir verstehen, was Gewalt ist. Männer müssen andere Männer aufklären, ihnen widersprechen, sie nicht decken, nicht verharmlosen, nicht psychologisieren. Ich weiß, dass das eigentlich das bare Minimum sein sollte.

Mut beginnt für uns oft erst da, wo Widerspruch im eigenen Umfeld unbequem wird.

Was bedeutet echtes Allyship?

Wie kann Solidarität also aussehen? Wir Männer sind nicht mutig, wenn wir uns neben und hinter die Betroffenen stellen. Mut beginnt für uns oft erst da, wo Widerspruch im eigenen Umfeld unbequem wird.

Wir müssen unsere Kollegen, Brüder, Väter, Geschäftspartner und Freunde konfrontieren, gerade weil es unbequem ist. Lassen wir unsere Werke von Sensitivity Reader*innen gegenchecken. Gehen wir grundsätzlich nicht mehr auf all-male-Panels und -Veranstaltungen und schlagen immer auch eine FLINTA*-Person vor, bevor wir bei einer Veranstaltung zu- oder absagen. Zeigen wir nicht nur dort Haltung, wo sie öffentlich sichtbar ist, sondern auch in Gesprächen, Gruppen, Produktionen und Situationen, in denen Männer sonst unter sich bleiben und sich gegenseitig schonen. Genau diese Schonzone muss aufhören. 

Machen wir politischen Druck für echten Schutz gegen jede Form von Gewalt gegen FLINTA*-Personen. Und vor allem sollten wir unsere Privilegien dafür einsetzen, dass FLINTA*-Personen eine Bühne bekommen und gehört werden.

Digitale Gewalt ist echte Gewalt

Digitale Gewalt wird noch immer zu oft verharmlost. Aber digitale Gewalt ist reale Gewalt. Sie entwürdigt, isoliert, kontrolliert und zerstört auch dann, wenn sie keine sichtbaren blauen Flecken hinterlässt. „Mehr als die Hälfte der Internetnutzer*innen bekennt sich aus Angst vor Hass im Netz seltener zur eigenen politischen Meinung und beteiligt sich weniger an Diskussionen. Besonders für junge Frauen sind sexualisierte Übergriffe in den sozialen Netzwerken Alltag,“ schreibt die Organisation HateAid, die sich für digitale Menschenrechte einsetzt.
Digitale Gewalt führt also dazu, dass sich gerade FLINTA* Personen weniger äußern.

Systemversagen in Deutschland

In Deutschland erleben viele Betroffene (nicht nur bei digitaler Gewalt) Verfahren, die sie retraumatisieren, die Täter besser schützen als Opfer, die sich über Jahre hinziehen, Unsummen kosten und dann doch im Sande verlaufen. Zudem entsprechen viele der Gesetze nicht der Realität. Es ist beispielsweise in Deutschland noch nicht möglich, die Identität der Täter*innen zu ermitteln, um gerichtlich gegen sie vorgehen zu können. Plattformen werden nicht zur Verantwortung gezogen. Justiz und Behörden sind nicht ausreichend ausgestattet zur Bekämpfung digitaler Gewalt, wie die Studie aus dem Jahr 2024 von das NETTZ, Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, HateAid und Neue deutsche Medienmacher*innen, zeigt.

Betroffene berichten von Mitarbeitenden in Behörden, die ignorant, überfordert oder unsensibel sind. Sie müssen also oft nicht nur die Gewalt selbst aushalten, sondern ein System, das ihnen misstraut, sie entmutigt oder schlicht nicht auf sie vorbereitet ist.

Schock ist kein Standpunkt. Sekundäre Betroffenheit ist noch keine Haltung. Was wir brauchen, sind echte Taten. 

Spanien ist besser vorbereitet

In Spanien gibt es spezialisierte Gerichte für Gewalt gegen Frauen und insgesamt mehr Erfahrung im Umgang mit (digitaler) Gewalt an FLINTA*-Personen. Wann wird das endlich auch bei uns ein Standard?

Das heißt nicht, dass dort alles gut ist.

Aber es heißt: Gewaltschutz ist auch eine Frage politischer und gesellschaftlicher Priorität. Wann werden wir endlich zusammen mit den vielen Menschen laut, die sich schon seit Jahren für diese Themen einsetzen und wann werden wir gehört? Wer profitiert vom Schweigen? Und warum sind wir noch immer schneller im Relativieren als im Verantwortung übernehmen?

Vom Schock zu konkreten Taten

Männer und unsere patriarchale Gesellschaft sind ein elementarer Teil der Strukturen, die solche Missstände möglich machen oder eben Veränderungen verhindern, ob in der grundlegenden Rechtsprechung oder im alltäglichen Miteinander. Und genau deshalb reicht es nicht aus, einfach nur schockiert zu sein. Schock ist kein Standpunkt. Sekundäre Betroffenheit ist noch keine Haltung.

Was wir brauchen, sind echte Taten. 

Ich kenne persönlich viele Menschen, die Gewalt von einem Mann erfahren haben. Es sind alles FLINTA*-Personen. Wir cis Männer müssten statistisch gesehen mindestens einen Täter kennen und wir müssen einsehen und uns eingestehen, dass man selbst auch als Täter agiert, ob durch Schweigen, durch fehlendes Einschreiten, durch eigene Grenzverletzungen oder konkrete Taten.

Deshalb müssen wir alle Verantwortung übernehmen.

Anlaufstellen und Hilfsangebote

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