„Ohne uns über uns?“ Chancen und Grenzen von KI-Gebärdensprach-Avataren

KI generierte Person mit kurzen, braunen Haaren, dunkelgrauem Shirt gebärdet, der Hintergrund ist hellgrau.
Kann der KI Gebärdensprach-Avatar Livian der alangu GmbH Webseiten zuverlässig in DGS übersetzen? Foto: Screenshot Youtube-Kanal SignLanguageAvatar
Lesezeit ca. 5 Minuten

Künstliche Intelligenz soll Gebärdensprache übersetzen, doch viele Taube Selbstvertreter*innen warnen: Die Entwicklung läuft an der Community vorbei. Eine Veranstaltung der Bundesfachstelle für Barrierefreiheit zu KI-Gebärdensprach-Avataren zeigte Potenziale, aber auch deutliche Grenzen. Jana Lange berichtet.

Informationen in Einfacher Sprache

Künstliche Intelligenz kann Avatare erstellen, die Gebärdensprache zeigen.
Die Idee ist: Informationen sollen so einfacher und jederzeit verfügbar sein.
Zum Beispiel auf Webseiten oder bei Durchsagen.

Viele Taube Menschen kritisieren aber die aktuelle Entwicklung.
Sie sagen: Taube Menschen werden oft nicht in Forschung und Entwicklung einbezogen.
Es entscheiden meistens hörende Personen über die Technik.
Die Community fordert deshalb „Deaf Leadership“. Das bedeutet, dass Taube Menschen selbst mitentscheiden.

Außerdem haben die Avatare noch viele Probleme. Sie sind oft nicht genau genug und verstehen die Grammatik und Mimik der Gebärdensprache nicht richtig.
Für schwierige Inhalte, politische Diskussionen oder Notfälle können sie menschliche Gebärdensprachdolmetscher*innen nicht ersetzen.

Ein weiteres Problem: Manche wollen Avatare nutzen, um Geld zu sparen.
Die Community warnt davor.
Barrierefreiheit darf nicht aus Kostengründen schlechter werden.

Fachleute sagen außerdem: Gute, automatisch erzeugte Gebärdensprach-Avatare werden wahrscheinlich erst in 8 bis 12 Jahren wirklich gut funktionieren.

KI-Avatare können in Zukunft hilfreich sein, zum Beispiel für einfache Informationen.
Aber sie dürfen keine echten Dolmetscher*innen ersetzen.
Wichtig ist, dass Taube Menschen bei der Entwicklung mitentscheiden.

Chancen und Grenzen von KI-Gebärdensprach-Avataren

Künstliche Intelligenz soll Gebärdensprache verfügbarer machen: automatisiert, rund um die Uhr, kostengünstig. Doch wer entscheidet, wie diese Technologie aussieht? Und wem nützt sie tatsächlich? Bei der Fachveranstaltung „Barrierefreiheit im Wandel: Chancen und Grenzen von Gebärdensprach-Avataren“ der Bundesfachstelle für Barrierefreiheit am 26. Februar 2026 wurde deutlich: Die Debatte um KI-Gebärdensprach-Avatare ist nicht nur technisch, sondern vor allem politisch.

Die verwendete Datenbank des Projektes KI-Kompass Inklusiv zeigt etwa strukturelle Probleme: Anwendungen sind schnell veraltet, häufig wenig barrierefrei, kaum individuell anpassbar. Auch Datenschutzfragen bleiben offen, Entwickler*innen fehlt oft spezifisches Wissen über Behinderungen, und die Entscheidungsprozesse der Anbieter*innen sind intransparent.

Die aktuelle Entwicklung ist falsch. Taube Menschen werden nicht einbezogen.

Kritik von Selbstvertreter*innen

Deutliche Kritik kam aus der Community selbst. Vertreter*innen wie beispielsweise Ralph Raule, Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bund e.V. bemängelten, dass Taube Menschen in der Forschung und Entwicklung systematisch ausgeschlossen seien: „Die aktuelle Entwicklung ist falsch. Taube Menschen sind nicht einbezogen“, hieß es von ihm auf dem Podium. Statt Deaf Leadership (Anm.d. Redaktion: gehörlose oder schwerhörige Personen nehmen Führungsrollen ein, treffen Entscheidungen und sind aktiv an der Gestaltung von Prozessen beteiligt, die ihre Community betreffen) dominierten hörende Akteur*innen. Ihnen wurden mehr Fördergeldern und Projektleitungen zugesprochen und sie standen bei öffentlichen Auftritten im Fokus. Die Taube Community wurde auf die Ersatzbank geschoben. Und das bei einem Tool, das ihre Sprache abbilden und für sie funktionieren soll.

Die Forderung ist klar: Rahmenbedingungen, Zeit und finanzielle Mittel müssen so gestaltet werden, dass Gebärdensprach-Communitys selbst Standards setzen können. 

Es ist immer noch eine weit verbreitete Annahme, dass Gebärdensprache eine visuelle Variante der Schriftsprache sei. Das ist nicht der Fall. Sie ist eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik und die Community kämpft seit langem um die Anerkennung von Deutscher Gebärdensprache als Minderheitensprache.

Avatare: Für Standards geeignet, nicht für Komplexität

In bestimmten Kontexten, etwa bei standardisierten Durchsagen, könnten Avatare perspektivisch sinnvoll sein, erklärte Raule. In komplexen Situationen, etwa bei politischen Debatten oder Krisenlagen, seien sie derzeit jedoch keine Alternative zur menschlichen Dolmetschung.

Gerade im Katastrophenfall sei professionelle Gebärdensprachdolmetschung unverzichtbar. Während in anderen Ländern Gebärdensprache bei öffentlichen Veranstaltungen selbstverständlich neben der Lautsprache steht, müsse hierzulande oft noch darum gekämpft werden, ergänzt Deaf-Tech-Experte Robin Angelini.

Ein weiteres Problem: Hörende Entwickler*innen erkennen feine grammatische oder mimische Unterschiede nicht. Und es ist immer noch eine weit verbreitete Annahme, dass Gebärdensprache eine visuelle Variante der Schriftsprache sei. Das ist nicht der Fall. Sie ist eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik und die Community kämpft seit langem um die Anerkennung von Deutscher Gebärdensprache als Minderheitensprache, wie es beispielsweise die Selbstvertreterin Lela Finkbeiner in einem DNN-Artikel beschreibt. Untertitel ersetzen sie also bei Weitem nicht.

Kostensparen darf nicht das Ende von Barrierefreiheit sein. Diese Kosten kann man nicht einfach streichen, sonst waren sie vorher falsch berechnet.


„Ein Produkt mit 50 Prozent Verständlichkeit funktioniert nicht“

Angelini brachte es auf den Punkt: „Avatare können Fehler machen, die Übersetzer*innen nicht auffallen. Ein Produkt, das nur 50 Prozent verständlich ist, funktioniert nicht.“ Die Community nehme unzureichende Lösungen zu oft hin, auch aus Mangel an Alternativen. Doch gerade bei Warnmeldungen oder politischen Informationen dürfe es keine halben Lösungen geben.

Ricco Richert und Robin Angelini warnten zudem vor einer gefährlichen Sparlogik: „Kostensparen darf nicht das Ende von Barrierefreiheit sein. Diese Kosten kann man nicht einfach streichen, sonst waren sie vorher falsch berechnet.“ Barrierefreiheit sei kein Luxusposten, sondern Voraussetzung gleichberechtigter Teilhabe.

Forschung mit Deaf Lead

Dass es anders gehen kann, zeigte ein Projekt der Universität Wien. In einer Masterarbeit entwickelten Verena Krausnecker und Sandra Schügel einen Best-Practice-Leitfaden für Gebärdensprach-Avatare, ausdrücklich unter Deaf-Lead-Prinzipien. Beteiligung ist hier kein Zusatz, sondern Grundlage.

Technisch jedoch mahnen Expert*innen zur Geduld. Carsten Schmidt und Alexander Stricker schätzen, dass es noch acht bis zwölf Jahre dauern werde, bis live-generierte Gebärdensprach-Avatare sinnvoll einsetzbar sind.

Person mit braunem Pferdeschwanz gebärdet. Darunter der Untertitel: (7) Texte, die von Avataren dargestellt werden, müssen vor ihrer Veröffentlichung einer Qualitätskontrolle unterzogen werden. Diese Qualitätskontrolle sollte durch taube, bilinguale Spezialist*innen, am besten native signer, durchgeführt werden, die in beiden Sprachen - Ausgangssprache des Textes und Sprache, die der Avatar gebärdet - hohe Kompetenz aufweisen sowie über sehr gute translatorische Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.
Wieviele Fragen noch offen sind, zeigt der Best Practice Leitfaden für den Einsatz von Gebärdensprach-Avataren von Verena Krausneker und Sandra Schügerl. Foto: Screenshot Universität Wien


Eine Frage von Menschenrechten

Die Diskussion machte deutlich: KI-Avatare können perspektivisch ein Baustein sein, etwa zur Übersetzung von Webseiten oder für standardisierte Inhalte. Sie dürfen jedoch weder als Sparinstrument missbraucht, noch als Ersatz für professionelle Dolmetschung durch Selbstvertreter*innen verstanden werden.

Für viele Leute aus der Tauben Community ist klar: Es geht nicht nur um Technologie, sondern um Sprachrechte. Wenn die Deutsche Gebärdensprache als Minderheitensprache anerkannt ist, müssen ihre Nutzer*innen auch die Deutungshoheit über ihre digitale Zukunft haben. So halten sie es auch in ihrer Stellungnahme zu Gebärdensprach-Avataren aus dem Januar fest.

Der Leitsatz des Tages lautete deshalb: Deaf Lead.
Nicht über Taube Menschen sprechen, sondern mit ihnen entscheiden.

Taub

ist eine positive Selbstbezeichnung nicht hörender Menschen, unabhängig davon ob sie taub, resthörig oder schwerhörig sind. Damit wird auch gezeigt, dass Taubheit nicht als Defizit angesehen wird. Es handelt sich hierbei um die Wiederaneignung eines Begriffes, der lange Zeit als abwertende Beschreibung verwendet wurde (reclaiming). Einige Mitglieder der Tauben Community verwenden inzwischen wieder das Wort ‚Taub‘ für sich, weil es im Gegensatz zum Begriff ‚gehörlos‘ nicht schon im Wort selbst einen Mangel (‚-los‘) benennt.

Der Begriff ‚taub‘ wird von vielen Hörenden noch als negativ besetzt wahrgenommen, da sie ihn mit umgangssprachlichen Abwertungen für nicht-hören verbinden. Die abwertende und diskriminierende Haltung gegenüber Tauben Menschen oder die Marginalisierung von Gebärdensprache wird Audismus genannt.

Viele nicht hörende Menschen bezeichnen sich auch als gehörlos oder benutzen beide Begriffe. Um eine respektvolle Kommunikation zu ermöglichen, sollte immer erfragt werden, wie Taube Menschen genannt werden wollen und welche Kommunikationsmittel sie bevorzugen.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Silvia Gegenfurtner entstanden.

Silvia Gegenfurtner ist Sozialarbeiter*in, lebt in Berlin und studiert Kritische Diversity und Community Studies. Silvia ist Taub, genderqueer und weiß. Sie* macht audismuskritische Workshops für die hörende Dominanzkultur, damit diese sich mit ihren strukturell verankerten hörenden Privilegien beschäftigt und irgendwann hoffentlich audismuskritisch denkt.

Quelle: Diversity Arts Culture

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