Ronja Zierold und Ocean Renner engagieren sich bei der Partei Bündnis 90/Die Grünen für mehr Inklusion. Bei der Bundesdelegiertenkonferenz im November 2025 brachten beide Anträge ein: zu Einfacher Sprache und zu Ruheräumen und mehr Inklusion. Der Antrag für Einfache Sprache wurde angenommen, der andere abgelehnt. Im Interview mit Mareice Kaiser sprechen sie darüber, wie es sich anfühlt, selbst in einer progressiven Partei für Inklusion zu kämpfen. Und warum komplexe Sprache oft weniger mit Inhalt, als mit Ausschluss zu tun hat.
Mareice Kaiser: Wie leicht war es, innerhalb der Partei für mehr Inklusion zu streiten?
Ronja Zierold: Vor meinem Satzungsänderungsantrag gab es viel hin und her. Erst ganz kurz vor der BDK (Anm. d. Red.: Die Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) ist der Parteitag der Grünen. Teilnehmende sind Delegierte aus den Kreisverbänden der Partei. Bei der BDK wird das Programm der Partei beschlossen und der Vorstand der Partei gewählt.) war klar, dass es keine Gegenrede geben wird. Vorher war nicht klar, ob wir die benötigte Zweidrittel-Mehrheit bekommen, deshalb haben wir eine Satzungsänderung und die Geschäftsordnungsänderung beantragt.
Ocean Renner: Vor einer BDK verhandeln die Antragstellenden mit der Antragskommission. Da wird dann versucht, Kompromisse zu finden. In Bezug auf unsere Anträge fand das zwischen dem Bundesvorstand und uns statt. Nach sehr langen Verhandlungen gab es einen Einigungsvorschlag zu unserem Antrag für Einfache Sprache bei Parteitagen, der angenommen wurde. Mein zweiter Antrag für mehr Barrierefreiheit wurde leider abgelehnt. Das ist natürlich frustrierend, da ich neben Einfacher Sprache gerne mehr Schritte für mehr Inklusion gegangen wäre.
Ronja: Das alles zu verhandeln, war sehr anstrengend. Es gab viel Gegenwind und viel Ego. Wenn Menschen kritisiert werden, denken sie immer: Oh je, ich habe was falsch gemacht. Statt die Kritik konstruktiv anzugehen.

Ronja Zierold
Ronja Zierold ist 20 Jahre alt und Sprecher*in der Grünen Jugend Sachsen. Ronja verbringt sehr gerne und sehr viel Zeit in der Partei und der GJ. Gleichzeitig studiert Ronja Chemie.
Foto: Privat

Ocean Renner
Ocean Renner (they/them) ist 22 Jahre alt und engagiert sich für Inklusion und Barrierefreiheit. Ocean war bis November 2025 Mitglied des Landesvorstands der Grünen in Schleswig-Holstein für die Grüne Jugend.
Foto: Santiago Rodríguez
Komplexe Sprache schützt vor Kritik.
Ronja Zierold
Wann habt ihr das erste Mal gemerkt, dass es an einigen Stellen in der Partei hakt, was Inklusion betrifft?
Ronja: Ab dem Moment, als ich aktiv wurde. Wenn wir von der BDK sprechen, wissen viele Menschen nicht, wovon wir reden. Vor anderthalb Jahren hat eine Person zu mir gesagt: Ich kann bei euch nicht mitmachen, ich verstehe euch nicht. Seitdem ist das eines meiner zentralen Themen.
Ocean: Ich habe schnell gemerkt, wo die Probleme liegen. Einmal, weil ich persönlich betroffen bin. Aber auch, weil andere Menschen auf mich zugekommen sind. Als ich im Landesvorstand (der Grünen Schleswig-Holstein) war, haben mich viele politisch Aktive angesprochen. Sie haben mich darauf aufmerksam gemacht, wie viele Barrieren es in der Politik gibt. Ein Beispiel: Fehlende Ruheräume bei Parteiveranstaltungen. Teilhabe ist ein Menschenrecht. Mein Gefühl jedoch war: Barrierefreiheit und Inklusion stehen leider nicht an erster Stelle. Das muss sich ändern!
Ronja: Menschen, die so sprechen, übersehen das. In der Politik sitzen privilegierte Menschen mit akademischen Abschlüssen, die keine Einfache Sprache brauchen. Sie nehmen dann gar nicht wahr, dass es andere Menschen gibt, die darauf angewiesen sind. Inklusion ist dann dieses „on top, das machen wir nur, wenn es uns gerade gut geht und wir gerade die Kapazitäten dafür haben“. Oft habe ich aber auch das Gefühl, dass Menschen gar nicht in Einfacher Sprache sprechen können, weil sie das Thema gar nicht richtig verstanden haben. Wenn es andere verstehen, können andere es auch anzweifeln. Komplexe Sprache schützt manchmal auch vor Kritik.
Was ist Leichte Sprache und was ist Einfache Sprache?
Damit so viele Menschen wie möglich alles verstehen können, gibt es Einfache Sprache und Leichte Sprache.
Das kann wichtig sein für Menschen mit Lernschwierigkeiten und für alte Menschen und für Menschen, die gerade Deutsch lernen. Der Unterschied zwischen Einfacher und Leichter Sprache ist, dass es für Leichte Sprache ein Regelwerk gibt – für Einfache Sprache nicht.
Leichte Sprache zeichnet sich durch kurze Hauptsätze aus und verzichtet weitgehend auf Nebensätze. Es werden bekannte Wörter verwendet und schwierige Wörter erklärt. Nach jedem Satzzeichen wird ein Absatz gemacht, Farben werden sparsam verwendet und zusätzlich zum Text werden einfache Illustrationen als Erklärbilder verwendet.
Für echte Inklusion brauchen wir eigentlich Leichte und Einfache Sprache.
Ronja Zierold
Warum stand in eurem Antrag Einfache Sprache und nicht Leichte Sprache?
Ronja: Leichte Sprache muss man zertifzieren lassen. Für echte Inklusion brauchen wir eigentlich Leichte und Einfache Sprache, damit langfristig alle mitmachen können. Aber mit Einfacher Sprache können wir erstmal einige Leute abholen: Menschen ohne akademischen Abschluss, Menschen mit Deutsch als Fremdsprache. Leichte Sprache ist der nächste Schritt.
Wie fühlt es sich an, wenn nur Kompromisse möglich sind?
Ocean: Jeder Zwischenschritt, den wir gemeinsam erkämpft haben, ist natürlich ein Erfolg. Allerdings würde ich mir wünschen, dass uns Menschen mit Behinderung und/ oder chronischen Erkrankungen mehr zugehört wird. Und ich würde mir natürlich wünschen, dass wir deutlich mehr für Inklusion tun.
Ronja: Alles ist ein Kompromiss, gerade in der Politik. Ich bin davon überzeugt, dass wir komplexe Sprache abschaffen sollten. Alle sprechen und schreiben Einfache Sprache, das ist mein Ziel. Bis dahin brauchen wir Kompromisse. Aber klar, es frustriert auch zwischendurch. Die ganzen Verhandlungen und der Einsatz für Inklusion, gerade als Betroffene, ist hart und manchmal frustrierend. Vor allem, wenn wir das Gefühl bekommen, das Thema Inklusion wird beiseite geschoben. Selbst in einer progressiven Partei. Es gibt ja auch Parteien, die sich gar nicht damit beschäftigen.
Ocean, du hast in deiner Rede beim Parteitag erwähnt, dass du nach den Verhandlungen eine Awareness-Person aufsuchen musstest.
Ocean: Wir leben in einer ableistischen Gesellschaft. Das wirkt sich auch auf politische Parteien aus. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass diskriminierende Aussagen im politischen Hinterzimmer gemacht werden. Dort, wo niemand anderes die Diskriminierung mitbekommt. Und gleichzeitig stellt man sich nach „außen“ als inklusiv dar. Thema in meinem Antrag ist unter anderem die chronische Erkrankung MCS, die Multiple Chemikalien-Sensitivität. Für viele Betroffene von MCS sind Zigarettenrauch und Duftstoffe schwerwiegende Barrieren. Wie sehr eine solche Barriere Menschen ausgrenzt, wird oft heruntergespielt oder sogar lächerlich gemacht. Das passiert nicht nur woanders in der Gesellschaft, sondern auch in einer Partei.
Ich erlebe oft, dass Barrierefreiheit für Nicht-Betroffene heißt: Wichtiges Thema, aber bitte nicht zu viel davon.
Ocean Renner
Nach euren Anträgen kam die vielfaltspolitische Sprecherin, Pegah Edalatian, auf die Bühne. Sie sagte „Ich höre dich“, aber mein Eindruck war nicht, dass du gehört wurdest. Mein Eindruck war eher ein „Jetzt reicht es aber auch mal“.
Ocean: Ich erlebe oft, dass Barrierefreiheit für Nicht-Betroffene heißt: Wichtiges Thema, aber bitte nicht zu viel davon. Barrierefreiheit klingt für die meisten erstmal gut, aber wirklich konsequent wollen viele Inklusion leider nicht leben.
Ronja: Im Vorhinein gab es einige Situationen, in denen klar war: Es ist relativ egal, was ihr macht. Auch bei den Grünen gibt es Machtstrukturen, die Machtmissbrauch begünstigen. Gleichzeitig gab es im Nachhinein viele Gespräche und Teilhabe-Angebote, wo wir unsere Perspektiven auch zukünftig einbringen können.
Wie bleibt ihr geduldig?
Ronja: Ich würde nicht sagen, dass ich geduldig bleibe. Wir beide sind durchsetzungsstark und bringen unsere Themen so lange ein, bis die Menschen nicht mehr Nein sagen können.
Ocean: Wir unterstützen uns gegenseitig und bekommen viel Zuspruch von Parteimitgliedern. Es lohnt sich, dran zu bleiben: In Schleswig-Holstein hat der Vielfaltsrat – ein Parteigremium, das sich mit Vielfalt in der Partei beschäftigt – erfolgreich durchgesetzt, dass alle Anträge auf Landesparteitagen in Einfache Sprache übersetzt werden. Die Partei muss inklusiv werden und das nicht erst in eins, zwei Jahren, sondern jetzt. Deshalb haben wir es auch auf eine Abstimmung angelegt, trotz der Ankündigung, dass es eine Gegenrede geben wird.
Ronja: Es ist entscheidend, Themen zur Abstimmung zu stellen. Denn wer will gegen Inklusion stimmen? Uns wurde relativ häufig mit schlechter Presse gedroht.
Schlechte Presse, weshalb?
Ronja: Wenn zum Beispiel gegen Einfache Sprache gestimmt worden wäre, wäre das bestimmt auch in der Presse aufgegriffen worden. Das hätte kein gutes Bild abgegeben.
Ocean: Eine Sorge war, dass konservative Medien aus meinem Antrag machen: Die Grünen wollen schon wieder etwas verbieten. Obwohl es darum ja gar nicht geht. Es gab einen Artikel, in dem mein Antrag erwähnt wurde, das war aber der einzige.
Wir leben in einer Zeit, in der Menschenwürde wieder verhandelbar gemacht wird.
Ocean Renner
Wenn man das weiterdenkt, darf man ja gar keine progressiven Veränderungen vorschlagen, oder?
Ocean: Progressive und Grüne machen sich zu viele Gedanken, wie andere Parteien und Journalist*innen auf ihre Ideen reagieren. Wir leben in einer Zeit, in der Menschenwürde wieder verhandelbar gemacht wird: Von Geflüchteten bis zu Menschen mit Behinderung. Eine laute Stimme für Menschenrechte ist deshalb besonders notwendig. Wir dürfen keine Angst haben, für Menschenwürde einzustehen. Gegenwind darf uns nicht stoppen.
Wenn es nach euch geht, was muss jetzt direkt umgesetzt werden für mehr Inklusion in der Partei?
Ronja: Wir müssen komplexe Sprache abschaffen. Wenn wir in Einfacher Sprache schreiben und reden, dann schließen wir keine Leute aus. Wir sollten Awareness-Teams auf allen Veranstaltungen verstetigen. Und Veranstaltungen und Verhandlungen müssen zeitlich begrenzt werden. Es kann wirklich nicht sein, dass wir um ein Uhr nachts Anträge beschließen.
Ocean: Wir brauchen barrierefreie Veranstaltungen und Strukturen: Rollstuhlgerechte Räume, Leitsysteme, Ruheräume, Gebärdendolmetschung, Schriftdolmetschung, Übersetzungen in Einfache und Leichte Sprache und vieles mehr. Und natürlich die Berücksichtigung von chemischen Barrieren und unverträglichkeits- und allergiebedingten Barrieren. Beides wird oft übersehen. Ich wünsche mir eine breite Auseinandersetzung innerhalb der Partei mit Ableismus. Und als Arbeitgeber*in haben auch Parteien die Verantwortung, barrierefreie Arbeitsplätze zu schaffen.
Wie zuversichtlich seid ihr, dass sich diese Punkte in den, sagen wir mal kommenden zwei Jahren ändern?
Ronja: Ich habe Hoffnung, dass wir Schritte gehen. Das alles braucht Zeit. Vielleicht kann die Partei in fünfzehn Jahren inklusiv sein. Menschen müssen das erstmal lernen, wir haben ja von Geburt an gelernt, nicht inklusiv zu sein.
Welche Aktionen könntet ihr euch vorstellen, um mehr Menschen für Inklusion zu sensibilisieren und zum mitmachen zu gewinnen?
Ocean: Es wäre super, wenn wir noch mehr Menschen für Inklusions-Themen sensibilisieren können, damit sie im Alltag inklusiv handeln können. Das macht einen großen Unterschied. Ein gutes Beispiel sind die Anträge in Einfacher Sprache. Als ich mein parteipolitisches Engagement angefangen habe, habe ich einen Workshop besucht, in dem es um barrierefreies Veranstalten ging. Dabei habe auch ich über meine Erfahrungen hinausgeblickt. Welche Barrieren gibt es bei einer Veranstaltung? Was muss ich bei der Planung berücksichtigen?
Ronja: Ich glaube, wir müssen einfach wieder mehr miteinander reden. Menschen, die auf Inklusion angewiesen sind und Menschen, die sich dem entgegensetzen. Einen Menschen direkt von Angesicht zu Angesicht auszuschließen ist etwas ganz anderes, als wenn kein persönlicher Kontakt existiert.