Zukunftsängste als Mensch mit Behinderung

Das Logo von die Neue Norm auf hellem violetten Grund. Rechts davon steht Die Neue Kolumne. Unten steht: von Lotte Zach.
Lesezeit ca. 4 Minuten

Als ich 18 Jahre alt geworden bin, habe ich sehr mit dem Gedanken gehadert, von Zuhause auszuziehen. Ich habe eine Tetraspastik, sitze im Rollstuhl und bin in vielen Alltagssituationen auf Hilfe, also auf Assistenz angewiesen. Der Plan, aus meinem Elternhaus auszuziehen, hat mir meine Hilfsbedürftigkeit und damit auch Verletzlichkeit und Abhängigkeit auf einer schonungslosen Ebene vor Augen geführt, die mich erstmals mit existenziellen Ängsten konfrontiert hat. Damals ging es zunächst um die Frage, wie ich mein Leben mit Assistenz organisiere und wie ich sicherstellen kann, dass mir immer die benötigte Hilfe zuteil wird. Im Hintergrund schwang auch da schon die Frage mit, wie das Assistenz-Team bezahlt würde und wieviel meines eigenen Einkommens ich zukünftig dafür aufbringen müsste. Über allem schwebte das Schreckensgespenst einer mittellosen Frau mit Behinderung, die in ihrem Erwachsenenleben allein in einer stationären Einrichtung vor sich hin existiert. Das war, wovor ich Angst hatte und was ich mit allen Mitteln zu verhindern versuchte.

Als junger Mensch möchte man sich ein Leben aufbauen. Man möchte einen guten Schulabschluss machen, damit einem möglichst viele Türen der Ausbildungswahl offen stehen. Man möchte eine Ausbildung in einem Bereich machen, der einen interessiert und erfüllen kann. Man möchte eine Arbeitsstelle finden, in der man ein gutes und sicheres Gehalt bekommt, in der einem die Arbeit Spaß macht und man sie als sinnvoll empfindet. Man möchte etwas Geld ansparen, um für die Zukunft zu sorgen und vielleicht die Freiheit zu haben, eine Familie zu gründen.

An jeder dieser Etappen legt die Politik und die Gesellschaft Menschen mit Behinderung Steine in den Weg. Alle sprechen von Teilhabe von Menschen mit Behinderung, aber gemessen an dem, was man sich in Deutschland als ein gutes Leben vorstellt, gibt es für Menschen mit Behinderung viel zu viele Hürden zu nehmen. Hier ein kurzer Abriss:

Bereits die Frage der inklusiven Beschulung muss in vielen Fällen verneint werden. Selbst die Wenigen, welche nach einem Abschluss auf der Förderschule versuchen, auf einer weiterführenden Schule einen höheren Abschluss zu erlangen, merken, was für enorme Wissenslücken sie teilweise aufweisen, weil die Unterrichtsqualität oft nicht vergleichbar ist. Fehlende Förderung führt häufig dazu, dass Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen unter ihren Möglichkeiten bleiben, wenn sie nicht inklusiv beschult wurden. 

Die nächste Hürde ist die der Ausbildung. Menschen mit einem Schulabschluss von einer Förderschule werden häufig von Ausbildungsunternehmen abgelehnt. Der Name der Förderschule ist wie ein Stempel in ihrem Lebenslauf. Häufig wird der Weg der Sonderinstitutionen auch in einem sogenannten Berufsbildungswerk für junge Menschen mit Behinderungen fortgesetzt. Dies sind oft Institutionen, in denen die jungen Menschen in einer Art Internat leben, arbeiten und zur Schule gehen. Die Auswahl der Ausbildungsberufe ist begrenzt und nicht selten wird Personen der Berufswunsch abgesprochen und sie werden stattdessen zu sehr Büro-intensiven Job Perspektiven gedrängt. Diese Berufsbildungswerke mögen für viele Menschen mit Behinderung das kleinere Übel und die Sprungschanze auf den ersten Arbeitsmarkt sein. Mit Inklusion haben sie jedoch trotzdem wenig zu tun. 

Doch selbst für jene, die inklusiv beschult wurden oder denen von Ausbildungsstätten nicht mit Vorurteilen begegnet wurde, ist der Weg in die Ausbildung nicht ohne Hürde. Sie müssen sich in einem aufwendigen Prozess um eine Assistenz während der Ausbildung, mögliche Zusatzausstattung, sowie Barrierefreiheit am Arbeitsplatz kümmern und sich häufig zusätzlich noch mit den Vorurteilen und Vorbehalten von möglichen Ausbildenden auseinandersetzen. Auch wenn man sich als Mensch mit Behinderung für ein Studium entscheidet, ist man mit ähnlichen Fragen der Barrierefreiheit, Assistenz, des Nachteilsausgleiches und des Umganges mit Praktika etc. konfrontiert. 

Geht man im besten Fall all diese Schritte und hat eine gute Ausbildung, stellt man am Ende fest, dass Eingliederungshilfe, über die man einen Großteil der eigenen Assistenz bezahlt, in Deutschland nach wie vor einkommensabhängig ist. Auch wenn sich die Gesetzgebung diesbezüglich seit 2019 verbessert hat, besteht eine große Unsicherheit darüber, welchen Anteil des eigenen Einkommens man nach einem langen Weg des Kampfes für eine gute berufliche Qualifikation behalten darf. Ein intransparentes und ungerechtes System entmutigt junge Menschen mit Behinderung, diesen Weg auf sich zu nehmen und entwertet die Anstrengungen jener, die es trotzdem getan haben.

Der Wert eines Menschen in unserer Gesellschaft wird durch seine Produktivität gemessen. Durch seine finanzielle und sexuelle Produktivität. Menschen mit Behinderung werden beide Bereiche gerne verwehrt und oft wird dieser Nicht-Zugang als gegeben dargestellt – und nicht als soziales Konstrukt, welches durch institutionelle und strukturelle Barrieren zusätzlich zu einer interpersonellen Diskriminierung aufrechterhalten wird. Ständig ist man etwas schuldig und Bittsteller*in. Und Systeme, die Menschen in die Armut drängen, indem sie für weit unter dem Mindestlohn arbeiten, um ihnen dann Grundsicherung zu zahlen, wie es in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung der Fall ist, und auch Einkommensgrenzen für Assistenznehmer*innen, manifestieren diese Problematik sogar auf institutioneller Ebene. Von der Gesellschaft auf allen Ebenen immer wieder rückgemeldet zu bekommen, man sei unproduktiv, eine Last, nicht gleichwertig und beim Versuch, diese Thesen zu widerlegen, so viele Steine in den Weg gelegt zu bekommen, ist sehr zermürbend.

Ich bin 27 Jahre alt und ich bin diesen ganzen Weg gegangen. Nicht alleine und mit Abkürzungen, weil ich eine sehr privilegierte behinderte Person bin und unfassbar viel Unterstützung aus meinem Umfeld dafür hatte. Nun habe ich das erste Mal in meinem Leben die Möglichkeit, einer Vollzeitanstellung. Und nun sitze ich zu Hause und zerbreche mir den Kopf darüber, ob sich das lohnt und wie realistisch es ist, dass ich mir eigenständig ein gutes Leben aufbauen kann. Ich spüre, wie aufgerieben ich von dem Versuch bin, der Leistungsgesellschaft zu beweisen, dass ich ein wertvolles Mitglied bin. Wie aufgerieben ich von dem Versuch bin, Inklusion und Leistungsgedanken in mir zu vereinen. Wie aufgerieben ich von dem Versuch bin, auszugleichen, dass ich immer in der Schuld stehe, in der Bittsteller*innenrolle.

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