Von meiner neuen Liebe und alten Problemen

Das Logo von Die Neue Norm auf pinkem Grund. Rechts davon steht: die Neue Kolumne. Unten steht: von Sophie Kappmeyer.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Letztes Wochenende war ich, eine im Rollstuhl sitzende, mit einer Cerebralparese ausgestattete Person, zelten. Ich habe es wirklich von Anfang an geliebt. Dieses Gefühl von Freiheit und dass man einfach aufbrechen und irgendwo hinreisen kann. Dieses Gefühl, direkt in der Natur und nicht an Zeit gebunden zu sein – außer natürlich an die Mittagspause und die Nachtruhe des Campingplatzes. Es hat mir zudem gezeigt, dass ich darauf vertrauen kann, dass ich meine Fähigkeiten kenne. Mit viel guter Planung, einer starken Person an der Seite und Spaß, wenn mal etwas schief geht, kann ich oft mehr erreichen, als ich gedacht habe.

Wahrscheinlich wird in meiner Zelt-Zukunft nicht alles immer so gut klappen, aber fürs Erste war ich unglaublich zufrieden.

Wenn ich davon erzählt habe, dass ich zelten gehe, habe ich die merkwürdigsten Blicke und Kommentare bekommen. Von “Bist du sicher?” über “Was für ein guter Witz!” zu “Willst du dir das nicht nochmal überlegen?” war alles dabei.

Und wahrscheinlich sind diese Kommentare lustig oder unterstützend gemeint oder vielleicht haben Leute gedacht, sie können mich vor einem großen Fehler bewahren, weil ich, eine Person im Rollstuhl, doch nicht zelten könne. Wahrscheinlich sind die Kommentare im Vorbeigehen gefallen, ohne dass die Personen sich wirklich darüber Gedanken gemacht haben, was sie damit auslösen.

Ich habe meistens gelacht und gesagt, ich meine es ernst. Ich kann es ja mal ausprobieren. Doch die Kommentare haben mich verletzt. Und, naja, jetzt mal unter uns: Ich war mir selbst nicht ganz so sicher, ob es wirklich klappt, aber ich wollte es unbedingt mal versuchen. Was ich natürlich nicht wollte, ist, dass diese Unsicherheit durch andere Menschen noch verstärkt wird.

Ich wusste, selbst wenn ich scheitere, kann ich einfach nach Hause. Rational konnte ich mir immer wieder Mut zureden, aber meine irrationale Angst wuchs mit jedem Kommentar etwas mehr. Wir waren nur eineinhalb Stunden von Zuhause weg. Niemand wird enttäuscht sein, wenn es nicht klappt. Ich werde dann eben nie wieder zelten und stattdessen in Hotels oder Ferienwohnungen schlafen. So what?! Es lief aber tatsächlich so gut, dass ich jetzt sogar einen Kurztrip nach Helgoland plane, um dort in einem Zelt im Sand zu schlafen. Ich weiß, wie verrückt ich doch bin. Ich mag das Abenteuer und ich habe Blut geleckt.

Aber kommen wir mal zurück auf die Kommentare. Warum haben sie mich so verletzt?

Ich glaube, das hat viele Gründe. Allgemein finde ich solche Kommentare überflüssig, da sie nichts zu der Situation beitragen, geschweige denn, mir helfen und ich fühle mich dann immer ein bisschen wie ein kleines Kind, das irgendetwas falsch gemacht hat. Da beurteilt jemand mein Leben, der noch nie einen Tag mit meiner Behinderung gelebt hat, und möchte ein Urteil darüber fällen, was ich kann oder auch nicht. Mir gibt es das Gefühl, als müsste ich mich dafür rechtfertigen, dass ich Sachen erleben möchte. Und Fehler darf ich mir anscheinend auch nicht erlauben, denn ich ja hätte wissen müssen, dass es nicht klappt. Das führt zu einem ständigen Druck, den ich nur schwer aushalten kann.

Oft sind diese Kommentare nicht mit hilfreichen Inhalten gefüllt und kommen immer von Menschen ohne Behinderung, also aus einer sehr privilegierten Gruppe, die nicht nachvollziehen kann, wie es sich anfühlt, wenn Leute immer wieder in Frage stellen, ob man mit einer Behinderung an einer “nicht-behinderten Aktion” teilhaben darf. Ich sag hier extra nicht-behinderten Aktion, weil ich das Gefühl habe, in der Welt von Menschen ohne Behinderung sind manche Aktivitäten einfach nicht für Menschen mit Behinderung vorgesehen und Zelten ist eine davon. Dass man das mit der richtigen Ausrüstung und ein bisschen Zeit und Planung ändern kann, ist Vielen weder nach flüchtiger noch nach genauerer Beobachtung verständlich.

Diese Leute stellen sich auch weniger die Frage, wie etwas barrierefreier gestaltet werden kann, sondern sagen stattdessen Sachen wie: “Such’ dir halt was anderes, es gibt doch 1000 Dinge”, ohne dabei zu merken, wie ableistisch ihr Verhalten ist.

Sie haben ja die freie Auswahl. Sie müssen sich ja nicht einschränken.

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