Selbstdarstellung als Mensch mit Behinderung

Das Logo von Die Neue Norm auf violettem Grund. Rechts steht: Die Neue Kolumne. Unten stegt: Von Charlotte Zach.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Heute habe ich mir einen Instagram-Account gemacht. Nach langem Hin und Her habe ich beschlossen, dieser Plattform eine Chance zu geben und mich dem Zahn der Zeit hinzugeben. Instagram steht für mich, noch mehr als Facebook, für den Perfektionswahn und Selbstdarstellungsdrang unserer Generation. Und ich nehme mich da selber überhaupt nicht aus. Ich habe auch großen Spaß daran und merke, wie es mich befriedigt und mein Selbstbild verändert, wenn ich erfolgreichen Content ins Internet schmeiße. 


Ich könnte natürlich sagen: “Den Zirkus mache ich nicht mit, ich bin nur stille Zuschauerin”. Da gibt es nur ein Problem: wenn man in diesen Zeiten Menschen erreichen möchte, dann muss man die Kanäle nehmen, die zeitgemäß sind. Und wenn man wie ich der Meinung ist, dass Menschen mit Behinderung zu wenig Öffentlichkeit haben, zu wenig in der öffentlichen Wahrnehmung unserer Gesellschaft vorkommen und damit immer weiter eine stereotypisierte Minderheit bleiben, kann man im Umkehrschluss nur entscheiden: “Ich mache den Zirkus doch mit”. Menschen mit Behinderung wurden jahrhundertelang versteckt und tabuisiert. Eine Behinderung zu haben, hat dazu geführt, dass man versteckt und zum Tabuthema wurde und das Tabu hat wiederum die Behinderung aufrechterhalten. Behindert im Sinne von daran gehindert sein, das Leben in vollen Zügen zu leben. 


Heute durch die modernen Medien kann jeder und jede von uns theoretisch ein Millionenpublikum erreichen. Heute können auch Menschen, die wegen einer Beeinträchtigung gar nicht ihr Haus verlassen können, mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren und sie an ihrer Lebenswelt teilhaben lassen. Das ist eine riesengroße Chance für die Behindertenbewegung. Durch die sozialen Medien haben wir die Möglichkeit, uns in unserer Vielfalt, in unserer Alltäglichkeit, in unserer Lebendigkeit, in unserer Gleichheit und Andersartigkeit Menschen zu präsentieren und mit ihnen zu verbinden, in einen Austausch zu gelangen und sie an unserem Leben und unserer Perspektive auf das Leben teilhaben zu lassen. Deshalb: Menschen mit Beeinträchtigung, get out there! Flutet die sozialen Medien mit eurem Zeug. Das ist unsere Chance, endlich aus dem Versteck herauszukommen. 
Das klingt alles ganz großartig, aber jetzt kommt der Knackpunkt: 
Inklusion ist eine Absage an Perfektionismus. Inklusion ist eine Absage an Leistung und an Bewertung. Von all diesen Dingen lebt aber das neue Medienmonster, das wir alle mit Informationen füttern. Wenn wir ihm nicht das zu essen geben, was ihm schmeckt, wird es uns auch nicht mit ihm spielen lassen. Im Klartext: wie präsentiere ich mich als junge Frau mit Behinderung? Präsentiere ich mich so, wie ich weiß, dass es gut ankommt? Hip, urban, hübsch, gebildet? Ich will ja ein Publikum erreichen und ich will, dass dieses Publikum sich mit mir identifizieren kann. Dass es überrascht davon ist, wie sehr es sich mit mir identifizieren kann, obwohl ich doch die Behinderte bin. Ich will doch, dass mein Gegenüber anfängt, Behinderung und Inklusion als Teil einer größeren Frage zu verstehen. Dass er oder sie Linien zieht zu den Fragen, die ihn/sie selbst beschäftigen. Also füttere ich das Monster mit diesen Dingen, die ihm schmecken. Und habe selber dabei ein flaues Gefühl im Bauch. 


Denn was ich mache, exkludiert andere Menschen. Ich arbeite gegen ein Vorurteil an, ein Vorurteil von einem stereotypen behinderten Menschen. Und das kann ich recht gut, weil ich relativ wenig von diesem Stereotyp und relativ viele Kriterien des Geschmacks des Medienmonsters erfülle. Aber ist das Inklusion? Oder ist das doch wieder nur perfektionistische unrealistische Selbstdarstellung, welche unsere Selbstzweifel und unsere Leistungsgesellschaft immer weiter anfeuert? Es stimmt schon, es hätte mir als junger Teenager bestimmt geholfen oder mich erleichtert, wenn ich über Social Media eine Person wie die Influencerin Chelsie Hill kennengelernt hätte. Natürlich baut das Vorurteile ab und bringt Menschen dazu, weniger abfällig über beeinträchtigte Menschen zu denken und auch zu reden. Natürlich macht es anderen Menschen Mut und inspiriert sie. Aber gleichzeitig ist es nur ein schmaler Grat zur Exklusion all jener, die diesen Perfektionsstandard nicht „erfüllen“ können. 


Ich werde versuchen, einen Mittelweg zu finden. Ich möchte Vorurteile abbauen und gleichzeitig nicht ein unrealistisches oder perfektionistisch überzeichnetes Bild von mir abgeben. Denn letztlich bedeutet Inklusion für mich, zu verstehen, dass man den Wert des Menschen nicht an irgendeiner Leistung, wie sie auch immer verpackt sein mag, messen kann. 

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3 Kommentare

  1. Schwerbehindert darf ich “arbeite” gehen in der GWN,einer Behindertenwerkstatt,erhalte dort Krüppelentgeld 2€ stündl. Trützschler von der die Arbeit kommt erhalten die ‘Arbeiter’ das zehn bis zwanzigfache für die gleiche Arbeit,wir erhalten kaum zehn Prozent,ist das die Gleichheit des Grundgesetzes?Gut wir leisten nicht die Leistung von Trützschler doch nur Krüppelentgeld ergibt max. hungern müssen wir nicht,no more! Ch. Bieker GWN

    1. Hallo Christof,

      dein Kommentar hat mich nachdenklich gemacht, weil ich ähnliche Schilderungen auch schon von Menschen gehört habe, die selbst in einer Behindertenwerkstatt arbeiten oder gearbeitet haben.

      Ich möchte dabei ausdrücklich nicht behaupten, dass dies in jeder Werkstatt gleich abläuft oder dass ich die wirtschaftlichen Verhältnisse einzelner Einrichtungen im Detail beurteilen kann. Nach meinem bisherigen Kenntnisstand und nach dem, was mir Betroffene aus ihren eigenen Erfahrungen berichtet haben, halte ich deine grundsätzliche Kritik aber durchaus für nachvollziehbar.

      Ich kenne einige Menschen, die mir von sehr niedrigen Arbeitsentgelten in Werkstätten erzählt haben und deren Schilderungen in wesentlichen Punkten zu dem passen, was du beschreibst. Dabei handelt es sich natürlich zunächst um deren persönliche Erfahrungen und Aussagen. Ich kann und möchte daraus keine pauschale Behauptung über sämtliche Behindertenwerkstätten ableiten. Sie zeigen für mich aber, dass es berechtigte Fragen zu diesem System gibt.

      Soweit ich die Regelungen verstehe, bestehen bei einer Werkstatt verschiedene Finanzierungsbereiche. Zum einen werden Leistungen zur Teilhabe, Betreuung und Förderung durch die zuständigen Leistungsträger finanziert. Zum anderen erwirtschaften Werkstätten mit Produkten und Dienstleistungen eigene Erlöse, beispielsweise durch Montagearbeiten, Wäschereien, Gärtnereien oder andere Auftragsarbeiten.

      Dass diese verschiedenen Einnahmen bestehen, bedeutet für mich nicht automatisch, dass eine Einrichtung unrechtmäßig „doppelt kassiert“. Die Zahlungen haben unterschiedliche Zwecke. Trotzdem stellt sich für mich die Frage, wie die wirtschaftlichen Zusammenhänge im Einzelnen aussehen und vor allem, welcher Anteil der wirtschaftlichen Leistung letztlich bei den Menschen ankommt, die diese Arbeit tatsächlich verrichten.

      Wenn beispielsweise ein Kunde für eine Dienstleistung einer Werkstatt einen regulären Preis bezahlt und Menschen mit Behinderung diese Arbeiten ausführen, finde ich es durchaus legitim zu fragen, warum deren eigenes Arbeitsentgelt im Verhältnis dazu häufig so gering ist.

      Gerade dieser Punkt beschäftigt mich. Nach meinem Kenntnisstand erhalten viele Beschäftigte in Werkstätten keinen normalen gesetzlichen Mindestlohn, sondern ein vergleichsweise niedriges Werkstattentgelt. Zur Sicherung ihres Lebensunterhalts können je nach persönlicher Situation zusätzliche Sozialleistungen, Grundsicherung oder Rentenleistungen erforderlich sein.

      Auch hier möchte ich ausdrücklich nicht alle Einrichtungen über einen Kamm scheren. Es gibt sicherlich Unterschiede zwischen den einzelnen Werkstätten, ihren Kosten, ihrer Betreuung und ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten.

      Aber wenn Menschen, die ich persönlich kenne, mir von solchen Erfahrungen berichten und deine Aussagen zumindest aus ihrer persönlichen Sicht bestätigen, sollte man diese Kritik meines Erachtens ernst nehmen und genauer hinschauen.

      Für mich lautet deshalb die entscheidende Frage nicht: „Wer kassiert hier doppelt?“, sondern vielmehr: Wie setzt sich die Finanzierung tatsächlich zusammen, welchen wirtschaftlichen Wert hat die geleistete Arbeit und wie viel davon kommt am Ende bei dem Menschen an, der diese Arbeit verrichtet?

      Gerade wenn wir über Teilhabe, Selbstbestimmung und Gleichstellung von Menschen mit Behinderung sprechen, gehört für mich auch eine offene Diskussion über die angemessene Bezahlung ihrer Arbeit dazu.

  2. Liebe Charlotte,

    auch wenn dein Beitrag bereits 2020 erschienen ist, möchte ich heute trotzdem noch einen Gedanken dazu hinterlassen. Denn das Thema hat aus meiner Sicht nichts von seiner Aktualität verloren. Die Frage, wie Menschen mit Behinderung sich selbst darstellen möchten und wer darüber bestimmt, welches Bild von Behinderung in der Öffentlichkeit entsteht, beschäftigt uns nach wie vor.

    Du sprichst für mich einen wichtigen Punkt an: Sichtbarkeit allein bedeutet noch nicht automatisch Selbstbestimmung. Entscheidend ist auch, wer bestimmt, wie ein Mensch mit Behinderung dargestellt wird.

    Gerade beim Selbstporträt sehe ich darin eine besondere Möglichkeit. Ich beschäftige mich selbst mit Aktfotografie und Akt-Selbstporträts. Dabei geht es für mich nicht in erster Linie um Nacktheit, sondern um die Selbstbestimmung über das eigene Bild, den eigenen Körper und auch über die eigene Behinderung.

    Für mich gehört dazu ganz klar der Gedanke: Das ist mein Körper, das ist meine Behinderung und ich entscheide selbst, wie ich beides zeige. Ich entscheide, welchen Blickwinkel ich wähle, was von meinem Körper sichtbar sein soll und was nicht. Genauso entscheide ich darüber, ob und wie deutlich meine Behinderung sichtbar wird. Ob beispielsweise eine Prothese, ein Rollstuhl, eine Amputation oder ein anderes Hilfsmittel bewusst mit ins Bild gehört, nur am Rande sichtbar ist oder überhaupt nicht gezeigt wird, sollte allein die betreffende Person bestimmen.

    Zur Selbstbestimmung gehört für mich deshalb auch: Ich entscheide selbst, wem ich meinen Körper und meine Behinderung zeige, wie viel davon ich zeige und in welchem Zusammenhang ich mich zeigen möchte. Niemand anderes sollte festlegen, ob eine Behinderung versteckt, besonders hervorgehoben, dramatisiert oder möglichst „normal“ dargestellt werden soll.

    Das unterscheidet sich für mich wesentlich davon, nur Objekt der Betrachtung anderer zu sein. Beim Selbstporträt werde ich vom dargestellten Menschen gleichzeitig zum Gestalter meiner eigenen Darstellung. Ich bestimme selbst, welches Bild von mir und meiner Behinderung entstehen soll.

    Gerade beim Akt kommt noch etwas hinzu: Körper von Menschen mit Behinderung werden gesellschaftlich häufig medizinisch betrachtet, bemitleidet oder teilweise nahezu entsexualisiert. Ein selbstbestimmtes Akt-Selbstporträt kann dem bewusst etwas entgegensetzen. Es kann sagen: Das ist mein Körper. Das ist meine Behinderung. Beides gehört zu mir. Und ich entscheide selbst, wie offen, wie direkt und wie selbstverständlich ich damit sichtbar werde.

    Dabei finde ich deinen Gedanken über den Perfektionsdruck besonders wichtig. Selbstbestimmung sollte eben nicht bedeuten, dass nun auch Menschen mit Behinderung möglichst schön, sportlich, mutig oder außergewöhnlich erscheinen müssen. Genauso selbstbestimmt muss es sein dürfen, sich ungeschönt zu zeigen, die eigene Behinderung bewusst sichtbar zu machen, sie nicht in den Mittelpunkt zu stellen oder sich überhaupt nicht öffentlich zeigen zu wollen.

    Vielleicht liegt wirkliche Inklusion genau darin: nicht vorzuschreiben, wie Behinderung sichtbar sein soll, sondern Menschen mit Behinderung selbst darüber entscheiden zu lassen.

    Auch deshalb finde ich deinen Beitrag heute, einige Jahre nach seiner Veröffentlichung, noch immer lesens- und diskussionswert.

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