Wohnheime und Corona: Enge in Zeiten von Distanz

hinter einem zaun stehen behinderte und nichtbehinderte menschen dicht und demonstrieren
Keine Arbeit, fast keine Beschäftigung: In Zeiten von Corona wird es eng für Menschen mit Behinderung. Foto: Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de
Lesezeit ca. 10 Minuten

Seit Kurzem öffnen schrittweise wieder die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, unter Einhaltung von Hygieneregeln, reduzierter gleichzeitiger Beschäftigung und auf freiwilliger Basis. Wir haben Betroffene zur aktuellen Lage befragt. Außerdem sprach Lilian Masuhr mit dem Pfleger und Journalisten Frédéric Valin, der in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung in Berlin arbeitet und einen Einblick in die Stimmung vor Ort gibt.

Per E-Mail schildert Michael Prall, der in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung lebt, seine Situation:

"Seit 6 Wochen bin ich wegen der Coronakrise gezwungen, 24 Stunden am Tag in meinem Wohnheim zu bleiben. Ich bin Rollstuhlfahrer und es eigentlich gewohnt viel Zeit außerhalb des Wohnheimes zu verbringen. Momentan fühle ich mich eingesperrt. Ich finde es ungerecht, dass andere raus dürfen und die Maßnahmen gelockert werden. Das finde ich zu früh. An Wohnheime wird nicht gedacht. Die Lockerungen für Wohnheime dauern meiner Meinung nach zu lange. Ich sehe ständig draußen Menschen. Warum dürfen diese draußen sein und wir nicht? Ich finde das ungerecht, es geht an die Nerven und ist auch ungesund."

Michael Prall, Bewohner eines AWO-Wohnheimes

Außerdem meldete sich Karsten Isaack aus dem Beirat des Bundesverbandes evangelische Behindertenhilfe e.V. zu Wort:

Die Sorgen der Kollegen sind zum Beispiel, dass man komplett von der Außenwelt isoliert ist, da man die Werkstätten nicht mehr besuchen darf und auch aus den Wohnformen nicht mehr rauskommt, wegen des Infektionsrisikos. Ein weiteres Sorgenthema vieler ist natürlich auch das Finanzielle: Wie geht es weiter? Darüber sind aber nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die Eltern von Menschen mit Beeinträchtigungen besorgt.
Sie fragen: Wie lange macht mein Chef das noch mit, wenn ich nicht zur Arbeit gehen kann, weil ich meinen Angehörigen zuhause unterstütze? Wer kann/darf wieder in die Werkstatt kommen und wer nicht, und warum nicht? Und warum ist das hier so und dort anders? In Sachsen-Anhalt zum Beispiel können 25% der WfbM-Beschäftigten wieder freiwillig arbeiten gehen, in Thüringen sind die Werkstätten noch geschlossen."

Karsten Isaack, Vorsitzender des Beirats der Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung des Bundesverbands evangelische Behindertenhilfe e.V.

Auch die Lebenshilfe Niedersachsen befragte ihre Bewohner*innen zu der aktuellen Lage:

Lilian Masuhr im Gespräch mit dem Pfleger und Journalisten Frédéric Valin:

Frédéric, Du arbeitest nicht nur seit sieben Jahren als Pfleger in einem Berliner Wohnheim für Menschen mit Lernschwierigkeiten (früher: sogenannter geistiger Behinderung), sondern auch als Journalist, u.a. für die taz. Dort hast Du in den letzten Wochen einige Artikel veröffentlicht. Wie kamst Du auf die Idee?

Im Zuge der Coronakrise habe ich gemerkt, dass die Perspektive von Pflegenden in den Medien kaum abgebildet wurde, höchstens etwas Applaus vom Balkon. Also habe ich angefangen aus meiner Perspektive zu schreiben und auch Menschen zu befragen, die in der sozialen Arbeit und Pflege tätig sind, Menschen aus dem Pflege- und Betreuungsbereich von Behinderteneinrichtungen, Kitas, Altenheimen, Hospizen und Streetworkern. 

Wie hat sich der Shutdown auf Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen ausgewirkt? 

Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass sich jetzt Konflikte verschärfen, gerade in Wohnheimen, die besonders anfällig für Krankheitsausbrüche sind. Ein Grund ist, dass dort nicht so sehr mit Kontakteinschränkungen gearbeitet werden kann, weil die Mitarbeitenden zur Arbeit kommen müssen. Ein anderer ist die räumliche Nähe der Bewohner*innen

Trotzdem hinkten die Gegenmaßnahmen von Anfang an hinterher: Noch anderthalb Wochen nach den Schulschließungen waren die Werkstätten in Berlin/Brandenburg immer noch offen, dort herrscht schon eine extrem hohe Ansteckungsgefahr. Andere Bundesländer haben sofort gleichzeitig die Schulen und Werkstätten geschlossen. Außerdem werden zwar tendenziell sogenannte “Treatments” recht schnell bei Altenheimen angewendet, aber in Behinderteneinrichtungen musste man zwei Wochen, drei Wochen warten, bis sie angepasst wurden. Wir sind sozusagen eine Wohn-Einrichtung zweiter Klasse.

Schwarz-weiß Foto von Frederic. Er trägt eine Brille, ein schwarzes t-shirt und einen schwarzen Hut. Er schaut mit den Augen zur Seite.

Frédéric Valin

Frédéric Valin ist Betreuer und Autor. Er kolumniert regelmäßig über den Gruppenalltag in der analyse&kritik. Seine Bücher erscheinen im Verbrecherverlag.

Was glaubst Du, woran das liegt?

Es gibt keinen spezifischen Blick auf Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung. Sie treten öffentlich nicht in Erscheinung und haben auch kaum Lobby. Das fängt schon beim Baulichen an: Zum Beispiel sind die Wohnheime so konzipiert wie Altenheime, auch wenn dort viele Menschen nicht diese Bedürfnisse haben wie Menschen im Alter. Das ganze Fördersystem soll auf Selbstständigkeit zielen, das heißt, wie gut man es schafft, sie „normal“ zu machen. 

Es gibt wenig Akzeptanz für die Art, wie Einzelne individuell sind. Viele Verantwortliche bei den Trägern, viele Politiker*innen, selbst viele Aktivist*innen wissen auch gar nicht, welche Fähigkeiten und welche Schwierigkeiten die einzelnen Personen eben haben, weil sie öffentlich nicht in Erscheinung treten. Die einzige Gruppe, die sich tatsächlich zumindest zum Teil engagiert, sind die Eltern – und die haben vor allem vor Augen, dass ihre Kinder versorgt sind. 

Kommen wir zu dem Wohnheim für behinderte Menschen, in dem Du arbeitest. Wie wurde dort auf den Corona-Shutdown reagiert?

Wir haben direkt nach den Schulschließungen gesagt: “Ihr fahrt jetzt nicht mehr in die Werkstatt, wir melden euch krank.” Dann wurden Besuche, so weit es geht, eingeschränkt. Wir haben die gruppenübergreifenden Betreuungsangebote geschlossen, es findet jetzt alles in den einzelnen Gruppen statt. Alle externen therapeutischen Angebote wurden ausgesetzt.

Dann habt ihr den Leuten empfohlen, in dem Wohnheim zu bleiben und eigentlich nur im Notfall nach draußen zu gehen…

Ja, soweit das möglich ist. Zum Glück liegt das Wohnheim etwas abgelegen, da kommen nur wenige Leute vorbei. Trotzdem: Je mehr Bewohner*innen draußen sind, desto mehr Kontakte haben sie auch untereinander. In unserem Haus leben 110 Leute und im nächsten Haus nochmal 200. Es gibt aber Menschen, die müssen einfach rausgehen für ihre psychische Gesundheit. Für diejenigen, die sonst selber einkaufen, sind die Betreuer*innen einkaufen gegangen. 

Hattet ihr als Mitarbeitende von Anfang an Schutzkleidung?

Es gab am Anfang nur für den Notfall Schutzkleidung, also nur für bestätigte Fälle, aber es wurde ja eh nicht getestet. Und es wird auch jetzt noch nicht getestet, obwohl die Kapazitäten da sind. Da wir keine dezidierte Pflegeeinrichtung, sondern eine Betreuungseinrichtung sind, hätten wir Schutzmantel und Brillen gehabt, aber FFP2-Masken zu organisieren war ein Problem. Der Markt war einfach leer.

Und wie sollten sich die Bewohner*innen schützen?

Wir haben ihnen die Hygieneregeln erklärt, das hatten dann Einige nach etwa einer Woche verstanden. Andere muss man beim Händewaschen schon begleiten. Die Abstandsregeln kann man erklären, aber das ist nicht immer vermittelbar. Körperlichkeit gehört zur Kommunikation.

Schwierig wird es, wenn jemand viel emotionale Nähe braucht, weil mit Abstandsregeln und so weiter kann man das nicht schaffen.

Frédéric Valin

Die Menschen sind also nicht mehr in die Werkstatt gegangen. Wie habt ihr die neue freie Zeit strukturiert?

Das Personal, das frei geworden ist aus dem tagesstrukturellen Bereich, ist dann mit den Bewohner*innen spazieren gegangen oder hat zum Beispiel zusammen Kuchen gebacken. Viele Bewohner*innen verhalten sich kooperativ und haben die Situation angenommen. Schwierig ist jedoch, dass die wenigsten bei uns ein Verständnis von Zeit haben. Sie sehen ein, dass es eine neue Situation gibt, sind aber verunsichert, weil sie merken, dass die Betreuer*innen auch nicht genau wissen, wie lange das jetzt so gehen soll. Ein Bewohner, der selbst nicht weiß, was ein Jahr ist, meinte: “Das ist dann nächstes Jahr.” So im Sinne von ganz weit weg. Und jetzt müssen wir erst einmal das schaffen.

Nun könnt ihr ja nicht jeden Tag nur Kuchen backen. Wie verhindert ihr, dass die Menschen nicht verzweifeln?

Die täglichen Spaziergänge sind das Ventil, das am ehesten verhindert, dass die Leute verzweifeln. Einer ist ein begnadeter Maler, mit ihm sitzen wir zusammen abends noch eine Stunde am Tisch. Schwierig wird es, wenn jemand viel emotionale Nähe braucht, weil mit Abstandsregeln und so weiter kann man das nicht schaffen. Die Person braucht Körperlichkeit, sonst springt sie mir aus dem Fenster. Dann haben wir zwei demente Personen, die noch eine schöne Zeit haben wollen und die auch kriegen sollen; da sind Abstandsregeln auch schwierig. Und dann gibt es noch einen Bewohner, der sehr auf Außenkontakte angewiesen ist. Der spielt gerade Playstation und wir versuchen ihn stark einzubinden in Organisation und Haushalt. 

Gab es denn bei euch eine Krise in der Corona-Krise?

Ja, es gab Krisen, also insbesondere bei Menschen mit zwanghaften Krankheitsbildern, wenn nun die Abläufe nicht mehr wie gewohnt funktionieren. Manche verstehen sich auch nicht besonders, und können sich nur noch eingeschränkt aus dem Weg gehen. Andere verstehen nicht, warum sie jetzt nicht mehr arbeiten gehen können oder warum sie ihre Eltern nicht mehr sehen können. Da ist schon sehr viel Trauer und sehr viel Verzweiflung bei einzelnen Menschen.

Habt ihr es ermöglicht, die Eltern zu sehen über Videotelefonie, können die Bewohner*innen das Internet nutzen?

Nur über das Telefon, was auch an der wirklich schlechten Ausrüstung der Heime liegt. Inzwischen haben sie es geschafft, W-Lan zu installieren, aber das gab es vorher nicht. Eigentlich können alle das Internet nutzen, doch in meiner Gruppe wäre das eine zu große Überforderung, da ist das Fernsehen zum Teil schon zu viel. Und das müsste man alles sehr eng begleiten und anleiten. Das würde besonders jetzt schwierig sein, wo wir täglich doppelt so viel arbeiten wie sonst. Die jeweiligen Betreuenden müssen alles emotional auffangen. Und dann haben die Bewohner*innen auch nicht so viel Geld, dass sie sich direkt mal ein Tablet kaufen können.

Obwohl seit Mitte Mai schrittweise die Werkstätten öffnen, ist eure noch geschlossen…

Soweit ich weiß ja, aber manche scharren schon mit den Hufen, weil tatsächlich die Produktion in den Werkstätten weitergegangen ist. Die Mitarbeitenden (Anm.d.Red. ohne Behinderung) haben quasi die Aufträge weiter abgearbeitet. Aber soweit ich das jetzt überblicke, wird diskutiert, dass die Werkstätten wieder aufmachen, die Informationslage wechselt täglich.

Wir werden bezahlt, um die Leute, von denen die Gesellschaft eh nicht so viel wissen will, unter Kontrolle zu halten.

Frédéric Valin

Wenn eure Werkstatt wieder öffnet, wie wird es dann weiter gehen?

Ich glaube nicht, dass wir Menschen so ohne weiteres dahin schicken würden, weil man den Sicherheitsabstand nicht gewährleisten kann. Dafür sind die Werkstätten personell und räumlich nicht aufgestellt. Und es gibt meist nur Behelfskonzepte. Wenn die Menschen wieder in der Werkstatt arbeiten, würde das bedeuten, wir setzen die Leute, die aufgrund diverser Vorerkrankungen sowieso schon ein hohes gesundheitliches Risiko haben, dem Risiko der Ansteckung aus. 

Das heißt, ihr müsst euch jetzt gegenseitig vertrauen, Abstand halten.

Ja, wir haben jetzt auch FFP2-Masken, aber ich bin einer der wenigen, der durchgehend mit FFP2 arbeitet, viele haben Stoffmasken, aber es gibt keine Pflicht, nur eine Empfehlung. Einige meiner Kolleg*innen finden Einiges übertrieben und es gibt durchaus auch Kolleg*innen, die in eine stark verschwörungstheoretische Richtung abdriften. Das macht sie auch wieder handlungsfähig, auf einer total de-politisierten Ebene. Sie sagen: Wir müssen eher gucken, eine Art von Alltag zu suggerieren. Andere finden, wie ich, dass viele Maßnahmen einfach nicht weit genug gehen. Ich finde, man müsste vom Worst-Case her denken und machen, was möglich ist. 

Gibt es denn etwas, was du dir wünschst, um in der momentanen Situation besser zurecht zu kommen?

Ich würde mir sehr stark die Durchsetzung von Schutzmaßnahmen wünschen. Von den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts setzen wir vielleicht die Hälfte um. Es ist auch schwierig, den Bewohner*innen zu erklären, dass es gerade eine schwierige Situation ist, und die Gruppenleitung springt ohne Maske täglich dreimal um die Gruppe herum; tut also so, als wäre nichts. 

Einerseits sitzen in der sozialen Arbeit überall Entscheidungsträger, andererseits entscheiden sie nicht gern. Und ein Beschwerdemanagement, das schnell auf Probleme reagiert, haben wir auch nicht. Die Leute, die sich viel beschweren, werden momentan zu persönlichen Gesprächen geladen und man gibt ihnen das Gefühl, dass therapeutisch zugehört wird, aber es ändert sich nichts. 

Es gibt eine reale Bedrohung draußen und auf diese reale Bedrohung muss man reagieren. Wenn mir meine Vorgesetzte sagt, dass sie die RKI-Studien nicht liest, weil ihr das zu kompliziert ist, dann haben wir ein Problem. Und auch wenn man mir sagt, ich darf den anderen Mitarbeitern nichts anweisen, z.B. wie man eine FFP2-Maske handhabt, das ginge über meine Kompetenzen. Weil es nämlich sonst keine*r macht, und dann bringt die beste Maske nichts, wenn niemand sagt, wie man damit umzugehen hat.

Was würdest du gerne politisch ändern, vielleicht selbst in die Hände nehmen?

Was den Diskurs anbelangt, werden die Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung  gar nicht gehört. Und ein Diskurs mit den Menschen, die in der sozialen Arbeit arbeiten, findet kaum statt. Dort gibt es so eine Art Resignation: Wir werden bezahlt, um die Leute, von denen die Gesellschaft eh nicht so viel wissen will, unter Kontrolle zu halten. Und es gibt kein Selbstbewusstsein, um darauf mit Forderungen zu antworten: Man richtet sich irgendwie ein. 

Ein Problem ist tatsächlich die Kirche (Anm.d.Red hier ein diakonischer Träger). Der Selbst-Organisationsgrad und das Selbst-Empowerment bei den Arbeitnehmern ist sehr gering. Ich habe kein Streikrecht und die Gewerkschaften werden bei Tarifverhandlungen nicht gehört. Es gibt keine starke Interessenvertretung für die Pflege. Ich habe den Eindruck, dass sozial Arbeitende und Pflegende tatsächlich ein bisschen lauter werden müssen, mehr fordern müssen. Und das heißt eben nicht nur: mehr Geld. Sondern vor allem bessere Arbeitsbedingungen. Und bessere Arbeitsbedingungen bedeutet auch bessere Lebensbedingungen für die Bewohner*innen.

Was bedeuten deiner Meinung nach die momentanen Lockerungen für die Inklusion in der Gesellschaft?

Es gibt jetzt noch deutlicher als vorher schon ein Draußen und ein Drinnen. Je unvorsichtiger die Außenwelt wird, desto vorsichtiger muss die Innenwelt werden. Es gibt die Frage, wie lang sich das aufrechterhalten lässt und wie stark der Druck ist. Und mit jeder Lockerung draußen steigt drinnen der Druck. Inklusion scheint sich in Luft aufzulösen.

Das waren starke Zeilen? Dann gerne teilen!

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp
Share on telegram
Share on pocket
Share on email
Share on print

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.