Autor Peter Wittkamp über Zwänge: “Einfach aufhören”

Peter Wittkamp hat kurze Haare und trägt eine Brille er schaut in die Ferne
© Peter von Felbert | Random House
Lesezeit ca. 8 Minuten

Peter Wittkamp, 38, ist Gagschreiber, Werber und Autor. In seinem Buch “Für mich soll es Neurosen regnen” beschreibt er seine Zwangserkrankung auf humorvolle Weise. Ein Gespräch über die Krankheit, Gänseblümchen und das Aufhören. 

Die Neue Norm: Du hast ein witziges Buch über deine Zwangserkrankung geschrieben. Man entdeckt da eine gewisse Liebe zu der Krankheit. Fast so, als würdest du sie mögen, weil du daran gewöhnt bist. Gibt es vielleicht etwas Schönes an deiner Erkrankung?

Peter Wittkamp: Im Grunde gibt’s nichts richtig Schönes. Wenn es einen Schalter geben würde, der die Krankheit abstellt, würde ich ihn sofort betätigen. Im Buch erzähle ich, dass auch die negativen Dinge, die zu einem gehören, an die man sich gewöhnt hat, ein Teil von einem selbst werden. Ich schreibe auch mehrfach, dass es bei Allem auch immer eine positive Seite gibt. Bei einer Zwangserkrankung gehört sicher dazu, dass man andere Menschen mit einer psychischen Erkrankung besser versteht. Und man kann einen symptomfreien, ganz normalen Tag viel mehr schätzen. Man freut sich, wenn man gesund ist.

Nervt man manchmal andere mit seiner Krankheit?

Ein wenig schon. Wenn man beispielsweise Depressionen hat, ist es doof für andere, wenn man sagt: „Ist mir alles egal, ich habe Depressionen.“ Es mag sein, dass zum Beispiel eine Steuernachzahlung von 2000 Euro nicht so schlimm ist, wie unter Depressionen zu leiden. Wenn man aber mit dieser Einstellung durch die Welt geht, schadet das dem sozialen Umfeld. Freunde können das irgendwann nicht mehr hören, sie wissen, dass du Depressionen hast, trotzdem haben sie natürlich auch ihre Probleme.

Wie kommt man aus diesem Vergleichen und dem Ich-habe-es-am-schwersten-Duktus wieder heraus?

Ich mache das gar nicht so oft. Ich finde es eher lustig, damit zu spielen. Ein Standardsatz von mir ist zum Beispiel ‘Ich kann nicht zu einer Verabredung kommen, sie findet zu einer ungeraden Uhrzeit statt.’ Das ist vielleicht das Liebevolle, aber ich würde es trotzdem gerne abstellen.

Das Buch ist sehr humorvoll und durchgängig lustig, hattest du nicht Angst vor einer Verharmlosung der Erkrankung?

Ich glaube beim Lesen des Buches bekommt man eine Ahnung, wie anstrengend die Erkrankung ist. Ich habe den Lesern selbst zugetraut, dies zu bewerten. Es ist unterhaltsam geschrieben, aber man merkt schon, dass es ganz schön belastend ist.

Hast du Rückmeldungen von betroffenen Menschen bekommen?

Ja und das war für mich auch sehr wichtig. Meine größte Angst war, dass Leute das Buch doof finden, weil es so humorvoll geschrieben ist. Aber sie freuen sich eigentlich alle. Es gibt genug Szenen, in denen sie sich wiedererkennen. Es ist nicht wissenschaftlich und lässt sich gut lesen. Es ist unterhaltsam, so als ob es eine Netflix-Serie wäre. Ich habe auch Rückmeldungen bekommen, die Krankheit sei gut geschildert, was mich sehr gefreut hat.

War es deine Intention, den betroffenen Menschen etwas an die Hand geben zu können?

Angefangen hat alles mit meiner Literaturagentin. Sie meinte: „Willst du nicht mal etwas Ernstes schreiben?“ Beim Recherchieren bin ich auf eine Person mit Zwangsstörungen im britischen Parlament gestoßen. Als ich das gelesen habe, musste ich fast weinen, weil mich das so berührt hat. Dass es jemanden gibt, der so erfolgreich ist und der auch unter Zwängen leidet, hat mich inspiriert und mir geholfen. Da habe ich begriffen, dass ich mit dem Buch auch anderen Leuten helfen kann. Sie erkennen sich darin wieder.

Du machst in deinem Buch den grundlegenden Unterschied zwischen Gedanken wie ‚Ich muss nochmal schauen, ob der Herd wirklich aus ist‘, den jede Person kennt und einer Zwangserkrankung deutlich. Stellen wir uns eine Ampel und folgende Gedanken dazu vor: „Wenn die Ampel jetzt grün wird, wird es ein guter Tag.“ Welche Unterschiede gibt es bei diesem Gedanken zwischen zwangserkrankter und gesunder Person?

Das nennt man Magisches Denken. Das macht jeder mal, besonders bei Ampeln. ‘Wenn es jetzt grün wird, dann wird es ein guter Tag.’ In der schärferen Version gehe ich zum Ort zurück und warte bis es so auch wirklich eintritt. Dann macht man das zwanzigmal hintereinander. Dann kommen einem Zweifel und man macht es sicherheitshalber noch so oft, bis es fünfmal eintritt. Das wird sehr schnell sehr gefährlich.  

Es fängt an, wie das Auf-Holz-klopfen bei normalen Leuten. Ich denke an den potentiellen Tod von einem Menschen und klopfe auf Holz, damit das nicht passiert – als ob das irgendetwas miteinander zu tun hätte. Es entlastet aber den Gedanken in dem Moment. Bei Zwangserkrankten wird es schnell mehr und mehr und dann wird hundertmal geklopft, vielleicht aber nicht richtig geklopft oder verzählt und dann geht es von vorne los. Es ist wahnsinnig schwierig im Kopf bis 100 zu zählen und sich ganz sicher zu sein, auch bei den ersten 50 Zahlen richtig gezählt zu haben. Habe ich vielleicht eine Zahl vergessen? Oder mich verzählt? Und dann traut man sich nicht mehr aufzuhören. Niemand kann sich im Kopf selbst beweisen, keine Zahl vergessen zu haben. Dann lieber nochmal. Gesunde Menschen kennen vielleicht auch die Sache mit den Gänseblümchen. ‚Er liebt mich, er liebt mich nicht…‘

Wie ist es bei dir mit den Gänseblümchen?

Ich habe keine Beziehung zu Gänseblümchen.

Du schreibst, dass auch Angehörige den Erkrankten helfen können, zum Beispiel beim Zählen oder Kontrollieren der Elektrogeräte, bevor man aus dem Haus geht.

Man kann immer jemandem erzählen, was man gerade macht, dann nimmt das schon etwas die Kraft davon. Zum Beispiel habe ich an den Tod einer Person gedacht und ich möchte auf Holz klopfen. Und sobald man das ausspricht, merkt man selbst, wie bescheuert das ist. Der Tod ist ja nicht schon unterwegs mit seiner Kapuze. Das ist Quatsch.

Was sollen Menschen aus deinem Buch mitnehmen?

Eine Zwangserkrankung ist mehr, als eine bisschen Ordnung und Symmetrie, das Kontrollieren des Herds oder zwischen Pflastersteinen gehen – die Klassiker, die man aus den Medien kennt. Im Gegenteil, sie ist sehr facettenreich. Man glaubt manchmal gar nicht, dass die Menschen unter derselben Krankheit leiden, weil sie so unterschiedlich sein kann. Auch finde ich wichtig, dass die Leute begreifen, wie anstrengend es ist. Man kann sich nicht wirklich wehren. Dinge, bei denen man einfach sagen könnte, dass man es sein lassen solle. Kann man aber nicht. Dieses ‘einfach mal sein lassen’ ist sehr anstrengend.

Wie schaffen wir es, über psychische Erkrankungen offener in der Gesellschaft zu sprechen?

Man kann vielleicht die Depression als role model nehmen. In den 80er Jahren hätte niemand einfach so gesagt ‘Ich habe eine Depression’. Mittlerweile kann man das wahrscheinlich sogar mit dem Arbeitgeber besprechen. Auch die Zwänge haben einen großen Imagewandel und Akzeptanz erfahren. In den 90ern wurden sie noch als Vorstufe der Schizophrenie diagnostiziert. Da hat sich viel getan, weil die Leute darüber gesprochen haben. So wurde das immer mehr akzeptiert. Es wäre schön, wenn dies auch mit anderen Krankheiten funktionieren würde.

Was wäre dein Rat für die ersten Schritte von Betroffenen mit Zwangsstörung?

Man kann im Internet Informationen finden, einen kurzen Test ausfüllen und die Ergebnisse mit dem eigenen Empfinden abgleichen. Wenn man darauf steht, seine Bücher nach Farben zu sortieren, ist alles gut. Wenn man aber einen Zwang verspürt, die Bücher so zu ordnen, ist es ein Problem.

Oft ist ‘Hol‘ dir mal psychologische Hilfe’, ein gut gemeinter Rat. Aber die Suche nach Hilfe, das Abtelefonieren von Therapeut*innen, das kostet auch Kraft…

Das stimmt. Idealerweise gehen die Leute zum Therapeuten, bevor sie dermaßen geschwächt sind. Bei Zwängen wird meist lange gewartet, bis die Leute wirklich merken, dass es eine Krankheit ist. Zehnmal am Tag Händewaschen ist vollkommen okay, bei fünfzehnmal würde man sagen ‚man wäscht sich halt sehr oft die Hände’. Wann fängt der Zwang an? Es wird gern gesehen, wenn man sich oft die Hände wäscht. Wann wird es krankhaft? Das weiß man oft selbst nicht. Ist fünfundzwanzigmal schon krankhaft oder wäscht man sich einfach gut und oft die Hände? Geht man bei Nummer 26 erst zum Therapeuten, oder erst bei dreißigmal? Dann vielleicht doch erst bei fünzigmal und dann ist es schon sehr spät und es geht einem schlecht.

Was natürlich hilft, ist Unterstützung zu bekommen. Gerade wenn es schwierig ist. Verwandte können helfen und auch mal die Anrufe machen, wenn es einem nicht so gut geht. Ansonsten auch gerne zuhören, wenn jemand gerne reden will oder auch mehr Ruhe zugestehen. Verständnis ist auch eine Unterstützung.

Im Arbeitsleben gibt es oft eher die Denke, man müsse sich durchbeißen, auch wenn es einem schlecht geht. Wenn man eine Behinderung hat, möchte man vielleicht nicht als schwach gelten und fordert nicht ein, was einem zusteht.

Das ist falsch.

Wie durchbricht man das? 

Ich glaube, wenn es der Arbeitgeber gar nicht versteht, dann ist es der falsche Arbeitgeber. Die anderen Dinge muss man mit sich selbst regeln. Ich weiß für mich, dass ich nicht mit Stress umgehen kann. Andere Leute können, das bewundere ich auch, vier Termine hintereinander legen. Da bin ich absolut unfähig – ich mach das einfach nicht. Bei jedem Termin, den ich habe, lege ich mir noch einen zeitlichen Puffer – auch habe ich maximal zwei Termine am Tag. Ich lasse mich da gar nicht in den Stress bringen, weil ich merke, es ist Gift für mich.

Und wenn du eine Deadline hast?

Ich nehme die Jobs so an, dass ich viel Zeit habe. Ich würde jetzt nie einen Job annehmen, bei dem die Deadline morgen ist. Zum Beispiel wenn mir jemand sagt, jener Job sei sehr gut bezahlt, müsste aber morgen fertig sein. Klar, wenn es nur wenig zu tun gibt – eine Stunde oder so, oder einfach cool ist, würde ich das auch machen. Aber wenn ein Unternehmen sagt, ich solle bitte eine Nachtschicht machen, weil sie morgen eine Kampagne brauchen, dann würde ich das nie machen. Das nicht anzunehmen, wäre für normale Leute auch gut. Ich plane immer doppelt so viel Zeit ein, wie ich brauche und dadurch habe ich sehr viel Luft. Das ist sehr hilfreich.

Du hast in einem Interview ganz rational gesagt: „Eigentlich muss man einfach nur aufhören mit den Zwängen…“

Das stimmt ja auch. Ich würde es gerne anders ausdrücken, aber unter dem Strich ist es so: ‘Mach es halt nicht, lass es einfach sein, einfach aufhören’. Man kann es beschreiben wie man will, mit verschiedenen Therapieansätzen – letztlich gibt es nichts anderes, als aufzuhören. 

Es ist wie beim Rauchen: Es gibt tausend Bücher, Programme, Apps, Akkupunktur, alles Mögliche. Aber im Grunde beschreibt es nur das: Rauch‘ halt keine Zigarette mehr. Der Weg dahin ist sehr schwer – das ist bei einer Zwangsstörung genauso.

Das Buch

Für mich soll es Neurosen regnen

Mein Leben mit Zwangsstörungen
btb Verlag
320 Seiten
18€

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