Individualität statt Normalität

Das Logo von Die Neue Norm auf lila Grund. Rechts davon steht: Die Neue Kolumne. Unten steht: Von Lea Vejnovic.
Lesezeit ca. 3 Minuten

Normalität ist ein komplexes Konstrukt unserer Gesellschaft. Hinter dem Begriff steht ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Diese wiederum gibt uns ein Gefühl kollektiver Sicherheit und Möglichkeiten zur Entfaltung. Der Wunsch, dazuzugehören, fungiert als Gegenspieler der Angst; der Angst davor, allein zu sein und ausgegrenzt zu werden.

Praktisch bewegungslos im Elektrorollstuhl sitzend, mit Beatmungsschlauch im Hals und undeutlicher Aussprache bekomme ich sehr schnell den «Stempel der Behinderten» aufgedrückt. Interessierte Blicke haben mich nie gestört; ich erzähle gerne, wenn man mich auf meine Behinderung anspricht, und ich mag den Austausch mit anderen. Doch oft lassen die Blicke eher auf Vorurteile und rigide Vorstellungen schließen, als dass sie offen dafür sind, Neues aufzunehmen. Das Gefühl dominiert, sich für die eigene Erscheinung rechtfertigen, ja verteidigen zu müssen. 

Während meiner Schulzeit fiel es mir schwer, für die Andersartigkeit geradezustehen. Ich versuchte, meine Behinderung unsichtbar zu machen und gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Ich habe lange sehr viel Energie aufgewendet, um von der Spur der Normalität nicht abzuweichen. Ich habe immer wieder beweisen müssen, dass ich trotz meiner Behinderung leistungsfähig bin, dass ich mit Assistenz selbstständig arbeiten kann und als Teilnehmende keinen Zusatzaufwand verursache. Dass ich trotz meiner Bewegungslosigkeit ein dynamisches Leben führe, fällt vielen schwer zu sehen. Doch auch ich kann Berge besteigen, reisen, Ski fahren, schwimmen, zelten oder Pferde trainieren.

Im Architekturstudium an der ETH Zürich musste ich wenig behinderungsbedingte Anpassungen aushandeln: Ich durfte die theoretischen Prüfungen meistens diktieren und habe dafür etwas mehr Zeit bekommen. Inhaltlich habe ich die gleichen Leistungen erbracht. Dass ich die Architekturmodelle mithilfe meiner Assistenz und mit Freundinnen oder Freunden gebaut habe, war irgendwie klar – schließlich haben das meine Mitstudierenden auch gemacht. 

Meine Behinderung wurde in meiner Ausbildung kaum angesprochen und falls es mal der Fall war, bekam ich sehr schnell die Rolle der behinderten Architektin zugewiesen, die sich aus eigener Erfahrung für die Zugänglichkeit und Funktionalität der gebauten Umwelt einsetzen könnte. Es läuft mir immer kalt den Rücken herunter, wenn ich einen solchen Stempel aufgedrückt bekomme. Zum einen, weil ich nicht auf das barrierefreie Bauen beschränkt sein möchte, da es mir erneut die Rolle der behinderten Entwerferin zuschreibt. Zum anderen, weil ich oft gar kein Interesse habe, mich explizit mit dem Design für Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. 

Wenn ich ein Element nennen müsste, welches ich als Architektin am liebsten entwerfe, wären es Treppen. Dabei denke ich nicht an Zugänglichkeit oder treppensteigende Rollstühle, sondern weil ich die Königsdisziplin im Entwurf der Raumbegehung liebe. Ich mag es, die Dynamik der Schritte in Material umzusetzen und mir vorzustellen, wie Menschen die Stufen hochsteigen oder sich darauf setzen, ihre Geschwindigkeit wählen, vielleicht in einer Wendung überrascht werden. Ich jongliere gerne mit Oberflächen, Proportionen, Raumbezügen und Schattenwürfen. Natürlich habe ich mich schon etliche Male geärgert, als ich vor Treppen stand und nicht weiterkam. Ich stand aber auch oft davor und habe ihren Anblick bestaunt, oder es genossen, die Stufen hochgetragen zu werden. 

Um meine Leidenschaften als Architektin und Designerin mit großem Interesse für Abenteuer, Kultur, traditionelles Handwerk und die Menschen zu vereinen, habe ich kürzlich mit meinem besten Kollegen Stefan Hensel das Designkollektiv kleinsinn ZÜRICH gegründet. Gerade führten wir eine Ausstellung zu unserem Bildband «Stadtbühnen» durch, welcher die Vielseitigkeit von öffentlichem Raum mit analoger Fotografie und persönlichen Texten präsentiert. Die Zusammenarbeit beschreibt eine Symbiose, die weit über das konventionelle Verständnis von behindert/nicht behindert, konzeptioneller/ausführender Arbeit hinausgeht. Obwohl ich meine Hände nicht benutzen kann, kann ich Handgriffe «denken» und «mitentwerfen». Gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse fließen in unsere Entwürfe ein. Sie bringen uns dazu, Tätigkeiten auf unkonventionelle Art und Weise auszuführen. Der künstlerische Ausdruck ist eine Sprache, die ich wähle, um alle meine Leidenschaften, Fähigkeiten, Eigenschaften und Erfahrungen zu vermitteln. Ich möchte mit meiner Kunst dazu beitragen, starre Kategorien aufzulösen, damit die Individualität einer jeden Person mehr wertgeschätzt wird.

Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Schweizer Zentrums für Heil- und Sonderpädagogik.

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