Inspiration Porn Transkript

Transskript

Die neue Norm: Eine Sehbehinderung, zwei Rollstühle oder drei Journalist*innen. Judyta Smykowski, Jonas Karpa und Raul Krauthausen sprechen über Behinderung, Inklusion und Gesellschaft. Ein Podcast von Bayern 2

Judyta: Musiker*innen oder Maler*innen finden wir sehr inspirieren. Sie bringen uns auf Gedanken. Wir hören ihn gerne zu, sehen ihre Werke und sind inspiriert. Und bei Menschen mit Behinderungen ist es leider so, dass sie einfach mal lächeln können. Und schon sind viele, viele Leute inspiriert. Warum ist es eigentlich so?

Jonas: Herzlich willkommen zur Podcast Folge von „Die neue Norm“. Wir möchten heute über Inspiration beziehungsweise Inspiration Porn reden, und wir haben uns dafür in einen tja sehr inspirierenden Raum zurückgezogen. Raul Krauthausen ist bei mir.

Raul: Hallo

Jonas: Du hast eben auch hier das Licht extra ausgemacht und so eine wirklich kuschelige Atmosphäre erschaffen. Sehr inspirierend, wie ich finde. Judyta Smykowski.

Judyta: Hallo

Jonas: Kuscheldecke, hast du noch nicht dabei?

Judyta: Ne

Jonas: Aber vielleicht mache ich uns gleich noch ein Tässchen Tee.

Raul: Vorhin hast du noch gesagt, wir sollen barfuß moderieren.

Jonas: Das können wir natürlich auch machen. Das macht man ja normalerweise so.

Raul: Mit Rollstühlen ist das nur so mittel inspirierend.

Judyta: Unsere Räder sind nackt. Vielleicht reicht es.

Jonas: Okay gut, ich könnte das sowieso, von hier aus gesehen eh nicht sehen. Aber egal. Wir reden über Inspiration und Inspiration Porn. Und möchten in dieser Folge ja klären: Was ist das überhaupt? Was ist Inspiration? Beziehungsweise was ist beim Inspiration Porn vielleicht nicht so gut? Und was könnte man besser machen? Vielleicht die erste Frage an euch: Was findet ihr denn in irgendeiner Art und Weise inspirierend? Judyta, du hast doch eben an, auch am Anfang gesagt das Musik, Kunst, also Künstlerisches, ist irgendwie immer, habe ich das Gefühl.

Judyta: Ja, also bei mir schon auf jeden Fall. Also, ich nehme da einfach viel mit, für raus, für mein eigenes Leben, für meine Gefühle, möchte da einfach immer gerne auch Input haben. Also Kunst ist Input für mich.

Raul: Für mich hat Inspiration auch ein ganz konkretes Gefühl: Wenn ich jemandem bei einer Tätigkeit beobachte und dabei selber Gänsehaut bekomme. Also, es ist eigentlich relativ egal, wenn jemand unglaublich schön einen Tisch schreinert oder eine Website programmiert. Und ich selber diese Faszination dann, die diese Personen empfindet, nachempfinden kann, dann finde ich das inspirierend und löst dann richtig bei mir auch Gänsehaut aus. Von oft dann sogar auch die Frage: Ach Mensch, Website programmieren, Tisch schreinern, das würde ich auch gern mal.

Judyta: Naja programmiert hast du ja schon,

Jonas: Ich wollte es gerade sagen.

Raul: Ja, ja, aber nicht auf der Liga wie andere.

Jonas: Und dieser schöne ovale Tisch, an dem wir sitzen, der es nicht von dir?

Raul: Der ist nicht von mir. Der ist, glaube ich von einem Tischler, Tischlerin.

Jonas: Ok, jemand, der es kann. Aber du kannst du es ja noch lernen. Auf jeden Fall, wenn man im Duden nachguckt, zum Beispiel bei Inspiration. Dort steht wirklich, wie er gerade gesagt hat, auf neue Gedanken bringen, ja wirklich Input bekommen. Bei Inspiration Porn, viele werden jetzt sagen oder beziehungsweise auch als ich das angesprochen habe in meinem Umfeld: Wir werden eine Podcast-Folge zum Thema Inspiration Porn machen, war häufig ich die Frage: Wat fürn Porno? Also mit Pornografie hat es heute – ja leider oder vielleicht Gottseidank – nichts zu tun, sonst würden wir es ab 18 machen. Das hat damit nichts zu tun. Aber Inspiration Porn hat in irgendeiner Art und Weise etwas mit Menschen mit Behinderung zu tun. Und zwar die, die von anderen vielleicht bewundert werden, für alltägliche Dinge, die sie machen, die für Menschen mit Behinderungen ganz normal sind. Aber Menschen ohne Behinderung sagen: Boah, Wahnsinn, wie die ihr Leben in Anführungsstrichen meistern. Ja, auch eine Aussage, die sehr, sehr klischeebehaftet ist. Oder aber Menschen mit Behinderung machen etwas sehr Außergewöhnliches und Menschen ohne Behinderung sagen da drüber: Wenn das selbst Menschen mit Behinderungen schaffen, dann müsste ich das ja eigentlich auch hinkriegen.

Raul: Das ist ja dann dieses bekannte RTLII Phänomen! Ich sehe Menschen im Fernsehen, denen offensichtlich schlechter geht als mir und dadurch geht es mir gut.

Jonas: Ja, genau.

Judyta: Offensichtlich ist das halt das Dumme daran. Na also, es geht mir nicht schlechter automatisch, weil ich eine Behinderung habe. Also, das müssen wir immer ein für alle Mal festhalten.

Raul: Aber geprägt diesen Begriff hatte ja eigentlich jemand anders?

Judyta: Das genau. Stella Young, sie ist oder war Behindertenrechts-Aktivisten aus England, ist a leider schon verstorben und prägte diesen Begriff und sagte einfach, dass das nicht mit ihrer Behinderung immer alles zu tun hat und man sie nicht dafür bewundern soll und nicht behindern. Ja, und sie war Lehrerin. Und aber da gab es wohl so eine Situation, das sie in die Schule kam und neu war. Und dann meinte ein Schüler zu ihr, wann sie denn überhaupt die Motivationsrede jetzt halten würde. Also der Schüler hat behinderte Menschen immer nur in Motivationsreden gehört.

Jonas: Okay. Aber wenn sie jetzt den Begriff Inspiration Point geprägt hat, dann wird sie nicht gesagt haben: Oh, ich habe jetzt eine komische Situation irgendwie erlebt, ich muss das in irgendeiner Art und Weise benennen, sondern es muss ein allgemeines Phänomen sein, was häufiger vorkommt.

Raul: Ja, das war das, was ich vorhin meinte mit diesem RTLII Phänomen, das man immer mal wieder auch in Social Media und so Beispiele sieht, wo Menschen mit Behinderungen benutzt und instrumentalisiert werden, in Form von kleinen Videos oder Social Media Bildchen, wo letztendlich ein Gefühl erzeugt werden soll, dass der Mehrheitsgesellschaft ein gutes Gefühl verpasst, auf Kosten behinderter Menschen. Zum Beispiel wird dann gesagt: Wenn diese Person es schaffen kann, dann kannst du es auch schaffen. Oder man sieht ein Kind mit Trisomie 21, das lächelt, und dann wird gesagt: Die einzige Behinderung im Leben ist eine schlechte Einstellung. Und wir erfahren aber gar nichts über die Person mit Behinderung, sondern wir erfahren eigentlich nur ein Gefühl, das ausgelöst werden soll bei den Menschen, die keine Behinderung haben, auf Kosten von behinderten Menschen. Und das ist die Pornografie da dran. Es geht darum, bewusst ein Gefühl auszulösen bei Menschen, die nicht betroffen sind, indem man eine andere Personengruppe benutzt.

Jonas: Es geht also auch ein bisschen um Herzenswärme, jetzt gerade in der Vorweihnachtszeit. Jetzt verraten wir, wann wir diesen Podcast aufzeichnen. Aber es werden auch häufig solche Spendengalas gemacht, wo dann ja auch quasi – ich immer zumindest – das Gefühl habe, dass solche Geschichten rausgeholt werden, um dann quasi Leute zu animieren, in der Vorweihnachtszeit ja sowieso, weil man ja, so familiär so blickt und auch so herzensgut und diese Herzenswärme, die irgendwie daraus entsteht, und dass dann ganz viel Geld generiert wird, eben wie du Raul, wie du’s gesagt hast, mit solchen kleinen Bilderchen oder Einspielfilmen, die Menschen mit Behinderung zeigen.

Judyta: Ja, Bindung ist nur die falsche Einstellung. Also das ist ja wohl, ganz großer Blödsinn. Das stimmt ja auch einfach alles nicht. Also, man kann nicht eine Treppe durch irgendeine Einstellungsänderung irgendwie verschwinden lassen. Also das ist ja keine Magie. Es gibt Barrieren. Es gibt Sachen, die wir einfach machen müssen auf Grund unserer Behinderung, die uns hindern, auch etwas zu tun, weil einfach die Gesellschaft irgendwie nicht barrierefrei ist oder inklusiv ist. Also diese ganzen realen Barrieren sind nicht wegzudenken.

Raul: Da gab es auch einen Aufreger bei Social Media, einen ganz viralen Artikel, der da rumging, wo man die Geschichte las, dass ein Lehrer seine Schülerin auf dem Rücken trug, um die ganze Klasse auf allen Klassenausflug mitzunehmen.

Jonas: Klingt erst mal, wenn ich das so lese, doch super. Es können alle mitmachen.

Raul: Richtig. Auf der einen Seite ist es super. Alle können mitmachen. Aber auf der anderen Seite wird überhaupt nicht gefragt, ob das Mädchen, das nicht laufen kann, überhaupt auf dem Rücken des Lehrers sein möchte. Und vor allem wird viel zu wenig gefragt, warum es eigentlich einen Klassenausflug gibt an einen Ort, der überhaupt nicht barrierefrei ist. Und das hinterlässt es denn für ein Gefühl bei den Leser*innen oder bei den Zuschauer*innen von diesem Text oder Video? Es hinterlässt das Gefühl: Ach ne dann tragen wir dich halt. Aber ob die Person überhaupt getragen werden möchte, ist dabei nie gefragt worden.

Judyta: Und auch dieses Mitleid

Raul: Genau. Der Lehrer wird zum Held gemacht. Das Kind mit Behinderung wird dann letztendlich bemitleidet, beziehungsweise auch irgendwie gelobt, dafür das es dann trotzdem irgendwie dabei ist

Judyta: Und dann darf ich mich nicht beschweren, wenn ich sehe, wie irgendwie Mädchen ihre Klassenausflüge erleben.

Raul: Teilhabe ist was Anderes.

Jonas: Judyta, wenn du dich weigerst, wenn du irgendwo wärst, wo jetzt zum Beispiel kein Fahrstuhl wäre und ich jetzt anbieten würde: Judyta, komm, ich trag dich da hoch. Und du sagst: Sorry, möchte ich nicht.

Judyta: Erstens nein, zweitens auch nein.

Jonas: Dann würde ich sagen: Ja selber schuld. Wenn du nicht möchtest.

Raul: Und damit wird dann wieder die Person mit Behinderung zum Mitverantwortlichen gemacht, zur Beseitigung der Barrieren. Dabei müssen wir auch gesellschaftlich die Frage stellen – und das tut eben der Inspiration Porn nicht – wie wir Barrieren beseitigen können.

Jonas: Wenn wir jetzt noch einmal zurückkommen zu dem, wenn man im Rahmen dieses Inspiration Porn sich selber besser fühlt. Also, ich kann mich daran erinnert, hat zwar nichts mit Behinderungen zu tun, aber es gab früher im WDR Fernsehen beziehungsweise parallel auch im Radio die Sendung „Domian“, wo man anrufen konnte und unter anderem über Erlebtes oder auch über seine Probleme seine Geschichte erzählen konnte. Und das lief nachts von eins bis zwei. Und ich weiß, dass das viele auch von meinen Freund*innen das gehört haben. Vielleicht auch – ich will das jetzt nicht unterstellen – aber mit dem Hintergedanken: Man hört sich die Probleme anderer Menschen an. Und fühlt sich dann doch mit seinen kleinen Alltagssorgen gar nicht so schlecht und kann dann Ruhe in Frieden in die Nacht einschlafen. Und hat nicht so ganz schwere Gedanken beim Einschlafen. Gehört das dann quasi auch dazu?

Judyta: Ja, es ist genau so, wie es mir passiert ist an der Bushaltestelle. Ich stehe so und warte auf den Bus in meinem Rollstuhl. Und dann kommt eine ältere Dame und sagt einfach mal so ohne Hallo oder irgendwas: Wenn ich Sie so sehe, darf ich mich nicht beschweren. So, dann sage ich erstens: Natürlich doch können Sie machen. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht? Oder wissen Sie überhaupt, wie es mir geht? Natürlich hat sie erst mal gedacht: So, hier ist ein behinderter Mensch, der geht es automatisch schlechter. Aber das ist ja überhaupt nicht so. Das ist so ein bisschen auch dieser ganzen Meinung geschuldet über behinderte Menschen. Also, das sind die Schwachen der Gesellschaft. Du hast ja auch die Vorweihnachtszeit genannt: Für die man spenden muss. Die es sonst nicht hinkriegen. Und das Ganze war einfach in diesem Satz mal ja gesagt.

Raul: Und ich glaube, dass Inspiration Porn auf zweierlei Ebenen eine Gefahr enthält. Nämlich einmal, das auf Kosten von Menschen mit Behinderung ein Gefühl für die Mehrheitsgesellschaft, also Menschen ohne Behinderung, erzeugt werden soll, aber dann auch alleine durch das Veröffentlichen dieser Inspiration Porn Bildchen oder Texte legitimiert wird, dass es okay ist, das zu tun. Und das ist dann nämlich genau das, was Judyta gerade gesagt hat, dass dann die Person, die sich legitimiert gefühlt hat an der Bushaltestelle zu sagen: Ach, wenn ich Sie so sehe, dann brauche ich mich nicht beschweren. Weil du gerade Domian erwähnt hast: Auch ich habe das natürlich gesuchtet.

Judyta: Ich auch.

Raul: Und das ich inzwischen sogar zu der Erkenntnis gekommen bin, das ist eigentlich Voyeurismus. Wir gucken ja in anderer Leute Schlaf- oder Badezimmer und auf Dinge, die uns eigentlich überhaupt nichts angehen, anonymisiert durch Radio – aber es ist eigentlich Voyeurismus.

Jonas: Aber es gehören ja in irgendeiner Art und Weise auch zwei dazu. Also auf der einen Seite, Domian bietet das an oder hat das angeboten damals. Und es gibt ja Leute, die eben dort anrufen und sich öffnen. Raul, du bist ja auch einer, der häufig auf Bühnen unterwegs ist und auch Vorträge hält. Hast du das Gefühl, das du auch vielleicht in irgendeiner Art und Weise, du bist ja bestimmt inspirierend für andere Menschen…

Judyta: Aber bist du auch Opfer von Inspiration?

Jonas: Genau. Bist du pornografisch inspirierend… na, es ist auch das falsche Wort, nein, aber bist du Inspiration pornmäßig unterwegs?

Raul: Es ist eine super Frage, in die mich auch wirklich regelmäßig trifft oder auch nachdenken lässt haben. Ich glaube, es ist nicht ganz abzustreifen. Wenn ich irgendwo ein Vortrag halte, dass es irgendwo jemanden gibt, der vielleicht so fasziniert ist von der Tatsache, dass ein kleiner Mensch auf der Bühne steht und einen geraden Satz herausbringt, dass das die Menschen schon emotional überwältigen kann. Das habe ich schon öfter erlebt, dass ich 90 Minuten einen Vortrag über Vorurteile und Sprache und Behinderungen gehalten habe und am Ende kommt jemand, der tätschelt mir über die Schulter und sagt: Ich finde es so inspirierend, wie Sie jetzt alles machen. Mein Onkel sitzt auch im Rollstuhl, und meistert tapfer sein Schicksal. Und eigentlich alles, was ich gesagt habe, anscheinend nicht gehört hat. Weil ich genau gegen diese Klischees ja argumentiert habe. Das wir nicht tapfer unser Schicksal meistern. Dass es überhaupt nicht als Inspiration dienen sollte, sondern dass wir einfach Menschen sind. Und es hat diese Personen, glaube ich, nicht verstanden. Vielleicht ist es dann deswegen auch immer so ein schmaler Grat, wenn man als Mensch mit Behinderung auf einer Bühne steht, dass man auch ein Klischee irgendwie erst mal brechen muss, das über einen im Vorfeld ja schon existierte. Schwierig, dass es aber auch viele Menschen mit Behinderung gibt, die auf Bühnen stehen, die dann genau dieses Klischee wiederum spielen. Die dann eben sagen: Ja, wenn ich es geschafft habe, dann könnt ihr es auch schaffen. So Motivationsreden halten. Und viele von Managementbehinderung meistens Rollstuhlfahrende sind dann Motivationsredner oder Redner*innen und hinterfragen wenig auch die gesellschaftliche Rolle, die sie damit ja erfüllen. Also dass man eben das vielleicht auch nicht bedienen muss, was andere von einem erwarten, dass man bedient, sondern dass man ja auch Klischees bewusst brechen kann, weil Menschen mit Behinderung wenig auf Bühnen stehen im Allgemeinen.

Jonas: So ein bisschen auch Angebot und Nachfrage. Es ist es so quasi eine Lücke beziehungsweise: Ich habe ja häufig auch das Gefühl, dass häufig Menschen Motivationsredner*innen sind, ja die im Rollstuhl unterwegs sind, die aber jetzt nicht von Geburt an im Rollstuhl unterwegs sind. Also, meistens sind es eher Motivationsredner*innen, die durch einen dann vermeintlichen Schicksalsschlag im Rollstuhl sitzen und dann quasi eben diese Geschichte, wie es dazu kam, in welches tiefe, schwarze, depressive Loch sie dann gefallen sind. Wo ich auch das Gefühl habe, das, wenn man diese Karte eben nicht spielt, wie es zum Beispiel Christina Vogel gemacht hat, die Bahnrad-Olympiasiegerin, die nach ihrem schweren Trainingsunfall im Rollstuhl nun sitzt, die von Journalist*innen gelöchert wurde, ob sie nicht traurig ist. Und ja sie das quasi nicht bejaht hat. Aber diese Frage immer und immer und immer wieder gestellt bekommen hat, weil ist ja irgendwie klar sein muss, dass man dann irgendwie depressiv wird.

Judyta: Ja, aber ich würde das verschiedenen Menschen halt auch zugestehen natürlich ist es hart. Wir kennen uns das wahrscheinlich nicht vorstellen, so wie viele Leute nicht vorstellen können, wie wir leben. Das sollte man so nicht verallgemeinern, finde ich.

Raul: Ich denke, dass es hier hilfreich wäre, wenn Menschen mit Behinderung auch untereinander sich Support geben, Unterstützung geben und auch Tipps geben: Irgendwie passt mal auf, hier passiert gerade folgendes Phänomen: Die Medien nutzen dich gerade aus und wollen eigentlich Voyeurismus mit dir betreiben. Das musst du einfach nur klar sein. Du kannst dich natürlich dafür entscheiden oder dagegen entscheiden. Aber folgende Phänomene gibt es einfach. Und ich glaube, da kann man sicherlich auch Sensibilisierung machen für die sogenannten Neuzugänge im Bereich Menschen mit Behinderung.

Judyta: Die Neuzugänge (lacht) Ja, aber nochmal: Warum ist es jetzt nicht inspirierend? Oder warum darf man jetzt Leute mit Behinderung nicht inspirierend finden?

Raul: Ich würde da unterscheiden wollen. Also ich denke, ich möchte nicht dafür inspirieren, das sich mit dem Bus gefahren bin oder dafür, dass ich diese Tür alleine aufbekomme oder dafür, dass ich mit meiner Hand selber meine Abiturklausur geschrieben habe, sondern ich möchte eigentlich dafür bewundert oder inspirierend gehalten werden, was ich Außergewöhnliches leiste. Vielleicht weil ich gut reden kann oder vielleicht, weil ich ein witziger Typ bin. Aber ich möchte auch genauso nicht gemocht werden dürften.

Judyta: Ja kritisiert werden.

Raul: Ja kritisiert werden.

Jonas: Das ist einfach ehrlich abläuft.

Raul: Ja genau, das ist einfach ehrlich abläuft, so wie es vielleicht auch Menschen ohne Behinderung untereinander tun. Ja, aber ich erlebe, dass zum Beispiel auch, was auch eine Form von Inspiration Porn ist, dass ich relativ wenig kritisiert werde. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ein unglaublicher, smarter Typ bin.

Judyta: Doch, du hast deine Momente.

Raul: Ab und zu vielleicht. Sondern das sich einfach oft Leute eher nicht trauen zu sagen was für ein Honk ich bin.

Jonas: Okay, weil es sie quasi meinen: Raul Krauthausen hat es eh schon schwer genug, wenn ich ihn jetzt auch noch kritisiere, das verkraftet er nicht.

Raul: Genau. Dann würde ich in ein Loch fallen.

Judyta: Ja, das setzt es halt an, dass wir uns austauschen müssen, dass wir ins Gespräch kommen müssen. Das nicht einfach nur Leute zu dir kommen und sagen: Alles ist inspirierend. Oder: Dass du hier auf dieser Bühne bist, ist inspirierend, sondern: Was hast du eigentlich gesagt? Und stimme ich dem zu oder nicht? Und ja, den Menschen einfach auch mal zu sagen: So fragt uns erstmal, wie wir das finden. Ob es für uns alltäglich ist oder ob es für uns außergewöhnlich ist, die Sache, die wir gerade tun.

Raul: Das klingt jetzt so kitschig. Aber sozusagen Seht den Menschen im Menschen mit Behinderung. Oft wird nämlich bei diesen Inspirationsgeschichtchen und -Bildchen immer nur ein kurzer Ausschnitt gezeigt oder ein ganz kurzer Moment. Jemand lächelt oder jemand hat eine Prothese, und man sieht die halt besonders stark. Aber was völlig verkannt wird in diesen Bildchen, ist, dass Menschen, die eine Behinderung haben, ja sie wahrscheinlich schon länger haben und dadurch auch gelernt haben, mit ihr umzugehen. Und für mich ist es jetzt nicht unbedingt anstrengend, mit dem Bus zu fahren. Für mich ist es einfach nur anstrengend, wenn der Bus keine Rampe hat.

Jonas: Ja.

Judyta: Oder wenn die Leute nicht Platz machen oder wenn der Busfahrer, die Busfahrerin nicht aufsteht, um uns die Rampe anzulegen.

Jonas: Aber es ist ja auch in irgendeiner Art und Weise ein Lernprozess, oder? Also ich glaube nicht mehr, dass du jetzt – wie du es auch eben gesagt -, dass du eben diese Inspiration Porn-Schiene nicht mehr bedienen möchtest. Ich glaube, früher als Kind hast du da ein bisschen, vielleicht noch nicht bewusst, aber auch ein bisschen anders gedacht. Oder?

Raul: Sicherlich. Ich habe als Kind schon auch das Gefühl gehabt hat, dass ich sehr stark anderen Leuten gefallen muss, dass ich sehr stark witzig sein muss, dass ich irgendwie immer ein Umfeld kreieren muss, das mir wohlgesonnen ist. Und hab dann irgendwann in meinen Jugendjahren festgestellt, dass das eigentlich meistens auf meine Kosten ging. Also, dass der Humor oder die Witze, die ich gemacht habe, immer irgendwie, was damit zu tun hat, dass ich mich kleiner oder schlechter gemacht habe, oder dass ich andere eingeladen habe, nur um zu gefallen. Und das hat mich schockiert. Und diese Rolle möchte ich nicht mehr spielen.

Jonas: Aber du hast es auch mal ausgenutzt, als du mit einem guten Freund um die Häuser gezogen bist.

Judyta: Komm, Raul, Du musst jetzt die Geschichte erzählen.

Raul: Na gut. Als Jugendlicher habe ich auch, wie wir wahrscheinlich alle einmal irgendwann unsere Grenzen gesetzt. Und habe mal zur Osterzeit mit einem Freund von mit Fidi, Graf Fidi, der Rapper, sind wir durch Kreuzberg gezogen. Nein, Lichterfelde sind wir gezogen und haben an fremden Haustüren geklingelt und nach Süßigkeiten für das Behindertenheim gefragt. Und natürlich waren wir beide nicht in einem Behindertenheim, sondern haben jeweils bei unseren Eltern gelebt. Und wir haben an jeder Tür Süßigkeiten bekommen, so viele, dass wir am Ende mit zwei Müllsäcken nach Hause kamen, voller Süßigkeiten.

Judyta: Wie habt ihr die transportiert?

Raul: Hinten auf meinen Rollstuhl drauf. Und dann kamen wir nach Hause, und ich kann mich noch erinnern, wie meine Mutter richtig, richtig sauer war, dass wir unsere Behinderung ausgenutzt haben, um möglichst viele Süßigkeiten zu bekommen. Sie war so sauer, dass sie gesagt hat: Ihr geht jetzt zurück und bringt die Süßigkeiten zurück.

Judyta: Habt ihr es gemacht?

Raul: Wir haben es nicht gemacht. Wir haben uns geweigert und sie hat es eingesehen. Ich glaube, die Strafe wäre zu hart gewesen. Aber wir haben es danach nie wieder nochmal versucht.

Judyta: Ja, und sowas ist halt superwichtig. Dass man halt wirklich, wie du sagst, auch ehrlich gesagt bekommt: So, das war jetzt gerade echt daneben. Und nicht nur, weil wir eine Behinderung haben, sind wir immer… Ach dieses Bild von diesem süßen, glücklichen Menschen, der irgendwie niemandem etwas anhaben kann. Nein, also, wenn ich dich zitieren darf, Du sagst ja auch manchmal: Behinderte Menschen können auch Arschlöcher sein. Und genau so ist es.

Jonas: Ja, und das auf jeden Fall in irgendeiner Art und Weise auch ein Lernprozess stattfindet, sowohl bei den Menschen mit Behinderung. Wie wir es ja eben gesagt haben, dass zwei Seiten dazugehören, dass die Menschen mit Behinderung eben nicht ihre Behinderten-Karte spielen und quasi diesen Inspiration Porn bedienen. Und auf der anderen Seite, dass eben das auch nicht so häufig angeguckt, geklickt, ja ausgenutzt wird oder thematisiert wird. Und da stellt sich für mich die Frage: Wie kann man da richtig eine Berichterstattung machen? Wie kann man dort richtig mit diesem Phänomen Inspiration Porn umgehen? Also quasi was kann jeder für sich irgendwie mitnehmen?

Judyta: Nicht auf dieses Clickbait gehen. Nicht darauf gehen, nur Mitleid erheischen zu wollen mit dieser Story, mit dem Bild. Und immer auch Fragen: Wie fühlt sich die behinderte Person gerade? Ist es für sie eine angenehme Situation oder nicht? Ist für sie eine alltägliche Situation oder nicht? Und ja, warum soll sie automatisch irgendwie Lob bekommen für das, was sie da tun.

Jonas: Heißt also quasi, man musste auch gucken, ob bei Themen wie – um den Bogen zu schließen – zu Stella Young, ob die Behinderung wirklich erst gerade nötig ist. Heißt also quasi, man nimmt die Story und zieht Behinderung ab und guckt: Ist es dann noch ein Thema? Meinst du es so?

Judyta: Genau.

Raul: Man kann das auch testen, indem man einfach Behinderung durch eine Haarfarbe ersetzt.

Jonas: Auch gut.

Raul: Wenn man jetzt praktisch sagt: Trotz ihrer blonden Haare meistert sie tapfer das Schicksal. Oder: Trotz Schuhgröße 56 möchte die Person Kinder haben. Ist es dann noch eine Nachricht oder nicht? Würde man dann nicht eher sagen ja, warum nicht?

Jonas: Liebe Zuhörer, liebe Zuhörer, wir hoffen, dass wir euch mit diesem Thema genug, ich will nicht sagen, inspiriert haben. Denn Inspiration, das müsste man auch mal festhalten, ist erst mal per se nichts Schlechtes. Also quasi so, wie wir es am Anfang gesagt haben. Man kann sich natürlich von Musiker*innen, Künstler*innen, im Allgemeinen Maler*innen, Raul von Tischler*innen – meinetwegen auch das – inspirieren lassen, irgendwelche Tätigkeiten auszuüben oder sich auf neue Gedanken bringen zu lassen. Es geht einfach nur darum: Wird wirklich die Tätigkeit gesehen, oder spielt da noch in irgendeiner Art und Weise die Behinderung eine Rolle, beziehungsweise die Behinderung sollte eben keine Rolle spielen, wenn es um künstlerische, handwerkliche – oder was weiß ich – Tätigkeiten geht: Also, wie gesagt, wir hoffen, wir haben euch damit inspiriert und auf etwas neue Gedanken gebracht und freuen uns, wenn ihr auch in der nächsten Folge wieder mit dabei seid. Ihr könnt uns gerne bei Twitter und bei Facebook folgen oder schreibt uns eine Mail an Podcast(at)dieneueNorm.de. Bis bald

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